BLOGas.lt Hol Dir jetzt kostenlos Dein eigenes Blog! N�chstes Tagebuch

Berichte der Pioniere

Barfuß über 900 Meilen Prärie

Jedes Jahr gedenken die Mormonen eines besonderen Abschnitts ihrer Geschichte - der Zeit der Pioniere, die zwischen 1847 und der Fertigstellung der Eisenbahn (1869) über die Prärie nach Utah kamen. Schätzungsweise 70000 Männer, Frauen und Kinder bezwangen damals die Wildnis.
Teils mit Planwagen, teils zu Fuß kamen sie aus vielen Orten und Ländern, auf der Flucht vor Verfolgung und getrieben vom Geist der Sammlung    von dem Wunsch, mit ihren Glaubensgenossen zusammen zu sein und im irdischen wie im geistlichen Reich Gottes ein besseres Leben zu haben.
Jeder, der diesen mühseligen Treck mitgemacht hatte, hatte seine eigene Geschichte zu erzählen. Zwar war dies ein gemeinsames Erlebnis vieler, doch war es für jeden anders durch die Umstände, die Personen und die eigene Reaktion auf das Erlebte.
B. H. Roberts,  ein namhafter Historiker der Kirche, gehörte zu denen,  die die öde Prärie mühsam durchwanderten. Er war erst 10 Jahre alt, als er mit seiner Schwester Polly die gerade erst 16 war, den langen Treck mitmachte. Sie gehörten zu einer Gruppe von 375 Personen. die in der Nähe von Council Bluffs (Iowa) — vom Endpunkt einer Bahnlinie, der für die Pioniere zum Ausgangspunkt geworden war - von Nebraska aus aufbrachen. Der Tag des Abmarschs war der 13. Juli 1866. Ihre Mutter — die sie seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatten — wartete im Tal des Großen Salzsees, ohne genau zu wissen, wo sie waren.
Die Reise sollte zwei Monate dauern. Da alle Wagen mit Vorräten beladen waren, mußten alle — auch die Kinder — die ganze Strecke von 1000 Meilen zu Fuß gehen. Einer starb während der Reise an einer Krankheit. Auch gab es Schwierigkeiten mit den Indianern. Meistens jedoch war die lange Reise einfach nur durch die tägliche Mühsal und Erschöpfung, die Kälte und schließlich den Hunger geprägt.
Für B. H. Roberts war die Durchquerung der Prärie allerdings stets weniger Leid und Mühsal als ein gut organisiertes Unternehmen, wodurch die Heiligen geprüft und rein gemacht wurden. Es ging um mehr als um das Überleben in freier Natur. Es war eine Reise, hinter der ein tieferer Sinn stand.
Nach seiner eigenen Beschreibung war er zur Zeit des Trecks ein stämmiger Junge mit Stupsnase und einer Lücke in den Vorderzähnen, kurzgeschnittenem, mausfarbenem Haar und zerlumpten Kleidern. Er war ein übermütiger, neugieriger Junge, der unterwegs mehrmals deswegen in Schwierigkeiten kam, weil er sich über die Regeln hinwegsetzte.
Weil er zu Beginn der Reise seine Schuhe verlor, mußte er 1 450 Kilometer barfuß gehen. Seine wunden und blutenden Füße erinnerten ihn noch jahrelang am deutlichsten an das ganze Unternehmen — sie und die kalten Nächte.
Und es galt die Indianer zu fürchten. Immer wieder sagte man den Kindern eindringlich, sie sollten dicht bei den Wagen bleiben. Die Erwachsenen erzählten viele Geschichten von Kindern, die verschwunden waren, die gemartert oder gegen Lösegeld gefangengehalten worden waren. Aber auch solche Geschichten machten B. H. Roberts,  der damals „Harry'" genannt wurde, keineswegs vorsichtiger.
Einmal pflückte er mit einem anderen Jungen in seinem Alter gerade am Platte River weiße Johannisbeeren, als sie plötzlich sahen, daß der letzte Wagen in der Ferne verschwand.
Sie machten sich auf den Weg, rannten aber nicht, um keine von den Beeren zu verlieren, die sie im Hut hatten. Auf dem Kamm eines Hügels sahen sie zu ihrem Schrecken auf einmal drei berittene Indianer vor sich. Sie hatten „unheimliche Angst", gingen aber mechanisch weiter, indem sie die Indianer anstarrten, die stumm und mit finsterem Blick auf dem Pferd saßen.
Genau in dem Augenblick, als der kleine Harry an einem der Indianer vorbeiging, stieß dieser einen gellenden Schrei aus. Die Jungen ließen Hut und Beeren fallen und rannten um ihr Leben. Sie liefen, so schnell sie konnten und wagten nur einmal, zurückzublicken. Die Indianer lagen auf dem Pferd und brüllten vor Lachen. Nach diesem Erlebnis befolgte Harry etliche Tage die Lagerregeln. Leider war sein Gehorsam nicht von Dauer. An einem Tag war eine Flußüberquerung vorgesehen, und der kleine Harry war so gespannt darauf, daß er bei Tagesanbruch heimlich aus dem Lager kroch und sich auf den Weg zum Fluß machte. Er glaubte, dieser sei nur ein. zwei Meilen entfernt. Die Entfernung war jedoch größer, als er gedacht hatte, und so kam er erst mittags an. Erschöpft und mit Blasen an den Füßen.    Er trug Holzschuhe schlief er unter den Weiden ein. Er schlief so fest, daß die Wagenkolonne an ihm vorüberrollte, ohne daß er wach wurde.
Harry wachte erst auf, als der letzte Wagen den Fluß überquert hatte und schon hinter den Bäumen auf der anderen Seite verschwand. Er stürmte zum Ufer, rief und winkte. Man rief ihm zu, er solle hinüberschwimmen. So warf er Mantel und Holzschuhe fort und stürzte sich in den Fluß.
Nachdem er fast drei Viertel der Strecke bewältigt hatte, verließen ihn die Kräfte. Der Hauptmann des Zuges ritt zu Pferde ins Wasser und zog ihn heraus. Am Strand bezog der Junge sogleich Prügel, die er aber ohne einen Laut hinnahm. „Ich war einfach froh, daß ich die Sache heil überstanden hatte." Seine Schwester Polly war außer sich gewesen über sein Verschwinden. Der Mantel und die Schuhe gingen ihm sehr ab. Jeden Abend wünschte er, er hätte noch den Mantel, und den ganzen Tag lang wünschte er, er hätte seine Schuhe wieder. Nachts schliefen Harrv und die anderen Jungen sowie die Männer unter oder neben einem Wagen auf der nackten Erde. Trotz des Spätsommers war die Nachtluft kalt. Polly schlief mit den Mädchen und anderen Frauen im Wagen. Wenn es dunkel geworden war, gab sie ihm ihren Unterrock, aber der half wenig gegen den feuchten, kalten und harten Untergrund. Harry, hatte außer seiner Kleidung keine zusätzliche Decke, und seine Kleidung trug er Tag und Nacht. In Wyoming sammelte er einmal Büffeldung und machte sich damit ein Feuer. Dann legte er sich nahe bei den Flammen schlafen. Es war für ihn die wärmste Nacht seit vielen Wochen, doch als er vor Tagesanbruch aufwachte. war er von einer vier Zentimeter hohen Schneeschicht bedeckt.
Da Harry seine Holzschuhe nicht mehr hatte, mußte er fast 900 Meilen barfuß laufen. Seine Füße wurden von Sonne und Staub rissig und schwarz. Aus den Rissen drang Blut, während er dahinhumpelte. Es war die Zeit der Feigenkakteen, und der Hunger trieb ihn, sie zu sammeln. Dabei drangen ihm die scharfen Stacheln in die ohnehin schon wunden Füße. Jeden Abend zog Polly ihm die Stacheln herauswobei beide weinten — er vor Schmerzen und sie aus Mitleid. Am nächsten Morgen mußte er dann wieder auf den wunden Füßen gehen.
Wenn ihn seine Füße überhaupt nicht mehr trugen, versuchte er heimlich zu reiten oder in einem Wagen mitzufahren. Wenn er ertappt wurde, bezog er Prügel. Der Hauptmann fand jedoch eine Möglichkeit, die Vorschriften um des „armen Kleinen” willen zu umgehen. Auf langen Etappen erlaubte er Polly, Harrys Kleider zu waschen, und weil Harry sich dann draußen nicht sehen lassen konnte, durfte er auf dem Wagen sitzen, während seine Kleider trockneten.
Bei einer Flußüberquerung sah er ein Mädchen in einen Wagen schlüpfen, um nicht hinüberwaten zu müssen, und tat das gleiche. Aber der Wagen blieb an einer Sandbank hängen und blieb dort die Nacht über mit dem Mädchen und dem Jungen darin. In dieser Nacht verlor Harry seinen kostbarsten Besitz, ein Taschenmesser mit vier Klingen, das er in England für seine Mutter hatte kaufen können. Es fiel in den Platte River und ging für immer verloren. Polly geriet wieder einmal in Panik und machte eine schwere Nacht durch, weil ihr kleiner Bruder verschwunden war.
Die Zuckersäcke im Vorratswagen wurden bei den Flußüberquerungen naß, und dann tropfte der Sirup durch die Risse im Wagenboden. Harry und die anderen Kinder lagen oft unter dem Wagen und leckten die süßen Tropfen auf oder griffen mit den Fingern danach. Leider bekamen sein Hemd und seine Hose ebenso viele Tropfen ab wie sein Mund.
Als einmal ein Nachtmarsch bevorstand, war Harry todmüde und nahm sich vor, sich in einem Wagen zu verstecken. Er fand ein Faß. das er leer glaubte, und kletterte hinein. Ein unterdrückter Schrei entfuhr ihm, als er mit seinen wunden Füßen knöcheltief in klebriger Melasse versank. Ihm blieb nichts anderes übrig, als in der Pampe zu schlafen.
Am nächsten Morgen kam er aus dem Wagen hervor. Von Kopf bis Fuß troff die Melasse an ihm herab, und so wurde er mit schallendem Gelächter empfangen. Es gab keine Möglichkeit, den Sirup zu entfernen, so daß er einfach haften blieb, bis er trocknete und auch der Staub ihm das Unangenehme nahm." Auf der Schiffsreise von England war Harry von Läusen befallen worden. Man hatte ihm das Haar deshalb sehr kurz geschnitten, so daß er fast kahlköpfig war. Bei einem Aufenthalt in der Nähe eines Indianerlagers in Wyoming zog es ihn zu den Indianern hin, die gerade die Friedenspfeife rauchten, was er noch nie gesehen hatte. Dabei wurde er selbst zur Attraktion. Erschrocken rannte er davon, als ihm ein Indianer die Hand auf den Kopf legte und rief: „Kein Skalp!”
Als der Wagenzug aus dem Canon herauskam und ins Tal des Großen Salzsees gelangte, schlug die Gruppe im Vorgebirge ihr Lager auf. Bei Tagesanbruch setzte sie sich in feierlichem Zug in Marsch. Harry mußte natürlich vorausgehen wie ein Tambourmajor bei einer Parade. Polly dagegen versteckte sich, als die Leute herauskamen, um sich den neuesten Wagenzug anzusehen, denn sie schämte sich, weil ihre Kleider zerlumpt und Gesicht und Haare von der Sonne verbrannt waren. Es schien niemand dazusein, der auf sie wartete, doch nach einiger Zeit sah Harry eine Frau, die ihm bekannt vorkam. Er zupfte sie am Kleid und sagte: „Hallo, Mutter!”
Sie schaute auf ihn hinunter. Dann sagte sie: „Bist du es. Harry? Wo ist Polly?" Die drei weinten zusammen, doch ab und zu lächelte die Mutter unter Tränen, und „sie sah überglücklich aus”, wie Harry später berichtet.

Diese Erinnerungen von B. H. Roberts an die Durchquerung der Prärie sind dem Buch „Defender of the Faith. The B. H. Roberts Story” von Truman G. Madsen entnommen. Das Buch ist im Verlag Bookcraft Inc. erschienen. Hal Knight, Mai 1979

22:10 - 22.4.2008


Last Page Next Page
Description
Hier werde ich aus alten Kirchenzeitschriften Berichte der Pioniere posten.
Home
User Profile
Archives
Links
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Mormonwiki
FairWiki
FAIR
Jesus
Das Buch Mormon überzeugt
mehr zum Buch Mormon
Bekehrungsgeschichten
besondere Erlebnisse
HLTs in aller Welt
Abenteuer der Mormonen
Geschichte der Mormonen
Propheten
Joseph Smith
Offenbarungen
Der Geist des Elija
Genealogie
Tempel und Tempelarbeit
Missionsarbeit
Die Gebote
Gedenke des Sabbats
Gesetz der Keuschheit
der Zehnte
Wort der Weisheit
Fasten
Kontroversen
Recent Entries
- Die Pionierfrau
- Das darbende Lager
- Auszug aus dem Tagebuch der Jane Grove
- Ein Eimer voll Milch
- Green Flake, der schwarze Pionier
- Die Wolke
- Der Duft des Flieders
- Rosa Clara -- Pionier aus Australien
- Sarah Matilda Farr
- Helden und Heldinnen
- Ein guter Handel
- Untitled
- Mary Ann Angell Young, die Unbezwingbare
- Im Winter mit Handkarren durch die Rocky Mountains
- Alma Elisabeth kommt nach Amerika
- Blühen wie eine Lilie
- Michaels Familie
- Meerrettich zu Weihnachten
- Cathrines Glaube
- Häuptling Washakie
- Ein Halfpenny und eine Perle
- Der rote Mantel
- Christians Bekehrung
- Die Glaubensprüfung eines Mitglieds der Kirche
- Die Handkarren-Pionierin
- Die Abenteuer der Margaret Judd Clawson
- Barfuß über 900 Meilen Prärie