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Berichte der Pioniere

Die Handkarren-Pionierin

Agnes Caldwell war fest davon überzeugt, dass sie die klügste und sparsamste Mutter auf der ganzen Welt hatte. Ihr war bewusst, dass es für ihre verwitwete Mutter, Margaret, nicht leicht war, drei Jungen und zwei Mädchen allein großzuziehen.
   Kurz vor Agnes` Geburt war ihr Vater, William Caldwell, auf See verschollen. Ein paar Jahre später stand ihre Mutter vor der gewaltigen Aufgabe, sich und die Kinder wohlbehalten von Schottland nach Amerika und dann weiter quer durch Amerika in das Salzseetal zu bringen.
   Im Jahre 1856, als Agnes neun Jahre alt war, ging die Familie an Bord des Schiffes Thornton. Sieben Wochen später kamen sie in Amerika an. In Iowa schlossen sie sich der Handkarrenkompanie von James G. Willie an. Ihre Kompanie hatte auf dem Weg in das Salzseetal viel zu leiden, denn sie mussten die schweren Handkarren durch schreckliche Schneestürme und bittere Kälte ziehen. Agnes war sich im Klaren darüber, dass ihre Mutter der Familie durch ihre fleißige Arbeit und ihre gewissenhafte Planung mehr als einmal das Leben gerettet hatte.
   Eines Tages, als sie nur noch sehr wenig zu essen hatten, verkaufte Agnes' Mutter eine Stepp- und eine Tagesdecke und kaufte vom Erlös Lebensmittel. Außerdem tauschte sie bei den Indianern oft Glasschmuck und Geschenkartikel gegen getrocknetes Fleisch ein, das sich als sehr wertvoll erwies, vor allem wenn der Wind kalt blies und man kein Feuer zum Kochen anzünden konnte. Dann gab die Mutter jedem Kind ein Stück getrocknetes Fleisch und etwas Brot. Manchmal nahm sie auch ein kleines Stück Fleisch und kochte daraus eine Suppe, die sie mit ein wenig Mehl andickte und mit Salz würzte. Das schmeckte so gut, wenn es draußen eiskalt war!
   Erstaunt erlebte Agnes mit, wie ihre Mutter Möglichkeiten fand, draußen in der Prärie zu kochen und zu backen. Dazu grub sie ein Loch, legte das Essen in einen schweren Eisenkessel mit festem Deckel, setzte den Kessel in das Loch und bedeckte ihn mit Büffeldung oder Holzstückchen, die dann angezündet wurden. Auf diese Weise bereitete sie oft Mahlzeiten zu.
   Als die Handkarrenkompanie eines Tages in Laramie in Wyoming Halt machte, gingen die Mutter und andere aus der Kompanie zu einem Offizier der dortigen  Commandantur. Die Mutter wollte ein wenig Schmuck und ein paar Silberlöffel gegen Mehl und Fleisch eintauschen. Der Offizier sagte, er könne davon nichts brauchen, erklärte ihr aber, wo sie diese Gegenstände eintauschen konnte. Als die Mutter gegangen war, sagte er den anderen, es sei dumm von ihnen, diese gefährliche Reise zu machen. Er versuchte, ein paar aus der Kompanie zu überreden, bei ihm in Wyoming zu bleiben, aber alle wollten lieber mit den übrigen Heiligen der Letzten Tage in den Rocky Mountains zusammen sein. Als die Mutter wiederkam, gab er ihnen ein großes Stück gepökelten Schinken und wünschte ihnen alles Gute für ihre weitere abenteuerliche Reise nach Utah.
Agnes schrieb einen Vorfall nieder, der sich kurz vor der Ankunft im Salzseetal ereignete. „Kurz bevor wir die Berge überschritten, kamen uns Wagen entgegen, die uns helfen sollten, und  sie waren auch wirklich eine große Hilfe. Die Schwachen  und Betagten durften im Wagen fahren; wer laufen konnte, musste weiter laufen. Als sich die Wagen in Bewegung setzten, wollten ein paar von uns Kindern wissen, wie lange wir wohl neben den Wagen her rennen konnten. Dabei hofften wir natürlich darauf, dass wir dann gefragt würden, ob wir mitfahren wollten. Zumindest hoffte ich das sehr. Ein Kind nach dem anderen blieb zurück, bis ich als Letzte neben dem Wagen herlief – so verzweifelt hoffte ich darauf, dass man mich mitnehmen würde.
   „Nach dem wohl längsten Lauf meines Lebens – ich bin weder vorher noch nachher so lange gelaufen – rief der Fahrer, der William Henry ,Heber' Kimball hieß, mir zu: ,Sag, Kleine, möchtest du gerne mitfahren?' Ich antwortete so höflich wie nur möglich: ,Ja, Sir.' Da beugte er sich zu mir herüber, nahm meine Hand und schnalzte mit der Zunge, um die Pferde anzutreiben. Ich musste noch schneller laufen, obwohl ich das Gefühl hatte, meine Beine trügen mich keinen Schritt mehr. Immer weiter ging es. Mir kam es unendlich lang vor. Was mir dabei durch den Sinn ging? Dass er der gemeinste Mensch war, den es auf der Erde überhaupt gab bzw. von dem ich je gehört hatte, und noch vieles andere, was sich für ein so junges Mädchen nicht geziemt und auf das ich keineswegs stolz sein. Gerade, als ich zusammenzubrechen drohte, hielt er an, nahm eine Decke, wickelte mich darin ein und legte mich auf den Wagenhoden. Mir war warm und wohl. Nun hatte ich Zeit, meine Meinung zu ändern, und das tat ich auch, denn mir war inzwischen klar geworden, dass er mich davor bewahrt hatte, im Wagen zu erfrieren.
   Die Caldwells kamen am 9. November 1856 wohlbehalten im Salzseetal an. Agnes heiratete später einen Mann namens Chester Southworth und bekam dreizehn Kinder. Die Familie wohnte in Dingle, Idaho, in Cardston, Alberta, Kanada, und in Gridley, Kalifornien. Als ihr Mann gestorben war, zog sie nach Brigham City, Utah, um in der Nähe einiger ihrer Kinder zu sein. Sie starb am 11. September 1924 im Alter von siebenundsiebzig Jahren.

Nach „Autobiography of Agnes Caldwell”, Niederschrift eines Gesprächs, das ihre Tochter, Veara Southworth Fife, geführt hat. Aus dem Kinder-Liahona Juni 2000 von Susan Arington Madson.

22:18 - 22.4.2008


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