| Berichte der Pioniere |
Michaels FamilieMeine Mutter hat erzählt, daß wir nur ein Bündel Kleider, eine zerlesene Bibel und einander hatten, als wir von Dublin in Irland nach Amerika kamen. In unserem Herzen brachten wir Liebe und Hoffnung mit.
Als ich knapp zehn Jahre alt war, übersiedelten wir in ein kleines Haus mit einem Stückchen Land in der Nähe des Zusammenflusses des Susquehanna und des Juniatakanals in Pennsylvanien. Vater, groß und stark, zog den Pflug. Und Mutter, klein, aber fest entschlossen, lenkte ihn. Beim Arbeiten sangen sie, und ich freute mich, wenn ich hinter ihnen her ging und Saatkartoffeln in die reiche, schwarze Erde legte. Manchmal sammelten auch beim Fluß Beeren, die wir in Kübel taten. „Heute habe ich den Booten auf dem Kanal zugesehen, Vater", sagte ich lächelnd. „Sie sind mit den verschiedensten Waren voll beladen.” „Ja, wir sind wirklich in ein besonderes Land gekommen, Michael”, stimmte mein Vater zu. Obwohl wir in der Stadt Kartoffeln und Beeren verkauften, schienen wir doch nie genug Geld zu haben. Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, ging Vater eine Zeitlang fort, um Arbeit zu suchen. Bevor er ging, küßte er Mutter und führte mich zu meinem Bett. Dort hob er die Matratze auf und steckte einen Dollar darunter. „Da hast du”, sagte er leise. „Ich gehe fort, um Arbeit zu suchen. Ich gehe nicht gerne, aber ein Mann muß seine Familie ernähren. Paß gut auf Mutter auf, während ich fort bin, und denke an das Geld, wenn du es wirklich dringend brauchst.” Vater glättete die Matratze und fragte : „Verstehst du, was ich meine. Michael?” Ich schluckte schwer und sagte : „Ich verstehe, Vater.” Mutter und ich standen bei der Hecke und winkten, bis Vater auf der alten Poststraße verschwand. Danach wischte sie sich die Augen trocken und ging ins Haus zurück. „Wir werden weiterhin Kartoffeln pflanzen und Beeren suchen, Michael.” Ich nickte und ging zum Pflug, fest entschlossen, meine Aufgabe zu übernehmen. Aber so sehr ich auch zog und zerrte, die Furchen schienen nie tief genug zu sein. Die Zeit verging -- Maultiere zogen die Boote auf dem Kanal, die Kartoffeln wuchsen, ich pflückte Beeren und hackte Holz. Aber Mutter sang nicht mehr. Eines Nachmittags sah ich ein Boot auf dem Kanal, das übervoll beladen war und nur ganz langsam vorwärts kam. Der Maultiertreiber fluchte und schlug das Leittier, aber es bockte und schrie bloß. „Du faules Tier!” schrie der Treiber und schlug das arme Tier, bis es sich weiter vorwärtskämpfte. Wenn sie zu einer Uferböschung kamen, ging das Maultier auf die Knie und bewegte den Kopf hin und her. Ich dachte daran, wie ich selbst den Pflug ziehen mußte und rannte hin, wo der Treiber gerade das Geschirr des Maultieres losmachte. „Du faules, nichtsnutzes Tier! Du wirst jetzt an den Schlachthof verkauft! Das ist einmal klar!” brüllte der Treiber. „O, nein!” hat ich. „Verkaufen Sie es nicht an den Schlachthof. Es hat sich doch so sehr bemüht.” „Geh du nach Hause, Junge!" brummte der Treiber. „Ich kann das tote Tier nicht hier liegenlassen, es verstellt doch den Weg.” „Es ist noch nicht tot!” weinte ich, „es ist bloß müde.” „Aber gleich wird es tot sein!”, sagte der Treiber und griff nach seinem Gewehr. „Bitte nicht!” bettelte ich und hob die Hände. „Junge, verschwinde!” „Ich kaufe das Tier”. stammelte ich schnell. Der Treiber drehte sich zu mir um und lachte. „Ich ... ich habe einen Dollar.” Der Treiber hörte zu lachen auf und rieb sich das Kinn. „Einen Dollar? Das bekomme ich wahrscheinlich auch vom Schlachthof. Mir soll es recht sein”, nickte er. „Du kannst es haben.” Ich rannte nach Hause und hob die Matratze hoch. Dabei fragte ich mich, ob Vater dies als Verschwendung ansehen würde. Ich blickte zum Kanal und dachte an das Maultier. „Jedes Lebewesen ist einen Dollar wert!” dachte ich bei mir. Als der Treiber den Dollar nahm, lachte er; dann deutete er mir, Platz zu machen, damit er mit seinem Gespann weiterfahren konnte. „Und denk daran”, rief er über die Schulter zurück, „es ist jetzt deine Sache, den Weg freizumachen!" Ich sah dem Boot nach, wie es um die Biegung verschwand, dann kniete ich nieder und redete dem Tier gut zu: „Komm, wir müssen nach Hause gehen.” Das Maultier rollte seine großen braunen Augen und sah zu mir auf; meine eigenen Augen verfinsterten sich, als es aufstand und gehen wollte, aber im hohen Gras niederfiel. Nach dem Essen steckte ich ein paar Möhren in einen Sack und rannte zu dem schwachen Tier. Traurig sah es mich an und fraß nur eine Möhre. „Es geht schon”, schluchzte ich. „Ruh dich nur aus, altes Maultier; ich schlage dich nicht." Ich deckte seinen knorrigen Rücken mit einem Sack zu und rannte wieder nach Hause. Eine Woche ging vorüber, und es gelang mir, das Tier geheimzuhalten; dabei betete ich, daß es nicht sterben würde. Als ich mich dann eines Tages von ihm abwandte, um nach Hause zu gehen, stellte sich das Maultier auf seine wackeligen Beine und schrie. Ich war sehr überrascht. „Komm, alter Junge”, drängte ich. „Komm mit mir.” Das alte Maultier spitzte die Ohren, machte einen Schritt und blieb dann stehen. Ich nahm es um den Hals und flüsterte: „Das paßt schon, liebes Tier. Ruh dich aus.” Ich aber lief nach Hause, um das Land zu pflügen; Mutter hielt mir die Riemen, während ich das Geschirr für den Pflug anlegte. Plötzlich hörte ich den Eselsschrei des Maultieres, und als ich aufblickte, kam es quer über das Feld direkt zu mir her! Sachte schob es mich mit seiner Nase zur Seite und nahm meinen Platz vor dem Pflug ein. „Was ist denn da los, so etwas habe ich noch nie gesehen?” sagte Mutter ganz überrascht. „Wem gehört das Maultier denn, Michael?” „Es gehört uns, Mutter!” lachte ich. „Ich habe es um einen Dollar gekauft!” Das Maultier pflügte den ganzen Vormittag — eine gerade, tiefe Furche nach der anderen, und es wurde nicht müde. Mutter lächelte vom Fenster her. Sie war im Haus und backte Brot, während das Maultier und ich pflügten. Eines Abends, als wir beim Abendessen saßen, hörten wir, wie jemand an die Haustüre klopfte. Mutter öffnete, und draußen stand der Maultiertreiber und blickte finster drein. „Ihr habt mein Maultier!” schrie er und hob den Finger gegen mich. „Ich hole es mir!” „Ich habe es doch um einen Dollar gekauft!” „Ja, aber da war es im Sterben!” brummte der Treiber. „Man hat gesehen, daß es gesund ist und einen Pflug gezogen hat! Da hast du deinen Dollar wieder!” „Mutter”, bat ich unter Tränen. „Mein Sohn möchte den Dollar nicht wiederhaben”, erklärte Mutter. „Das war nicht vereinbart.” Das Gesicht des Treibers wurde vor Zorn dunkelrot, und er warf den Dollar über die Schwelle. „Dann nehme ich es mir jetzt selbst”, schrie er. Ich lief zum Stall und band das Tor zu, aber der Treiber schob mich zur Seite und riß es auf. Er ergriff das Halfter und erhob die Peitsche, aber das Tier stemmte sich dagegen und schrie. Dann sah ich einen großen Schatten plötzlich aus dem Nichts auftauchen, und eine große Hand nahm dem Treiber die Peitsche aus der Hand. „Wer droht meiner Familie und meinem Zuhause?” hörte ich die zornige Stimme meines Vaters dröhnen. Der Treiber sah zuerst meinen Vater an und ließ dann das Halfter los. „Macht nichts”, murmelte er, „dieses alte Tier kann ohnehin nicht mehr arbeiten.” Vater hatte den Arm um Mutter gelegt, als der Treiber wieder zum Kanal ging. „Ist es ein nutzloses Maultier, Michael'?" fragte Vater. „Nein. Es arbeitet für mich”, erklärte ich. „Dann hast du den Dollar gut verwendet”, versicherte Vater. „Ich habe gearbeitet und nun den Lohn von zwei Wochen in der Tasche. Ich habe meine kleine Familie sehr vermißt. Nun bleibe ich wieder zu Hause. Irgendwie werden wir schon genug Geld verdienen”, sagte er und lächelte hoffnungsvoll. „Ja, wir werden genug zum Leben haben”, stimmte Mutter zu. Sie war wieder glücklich. „Das Maultier verrichtet die meiste schwere Arbeit, und der Garten ist größer, so daß wir mehr Kartoffeln werden verkaufen können. Ich kann mit den Beeren Kuchen backen, und du mußt einen Wagen bauen, den das Maultier mit unseren Waren in die Stadt ziehen kann.” „Warte doch ein wenig”, lachte Vater. „Zuerst muß ich meine Lieben umarmen.” Wir hatten auch weiterhin wenig Geld, aber wir waren wieder alle beisammen. Ich wußte ganz sicher, daß nicht alle Güter, die wir besaßen, auf den Tisch gelegt und gezählt noch in der Stadt verkauft werden konnten. Einige Güter, wie die Liebe, die ehrliche Arbeit meiner Eltern und der treue Dienst meines Maultieres. können nie mit Geld gekauft werden. Sie sind kostbare Gaben, die man kostenlos bekommt, wenn man sich darum bemüht. Und wenn die Reichtümer des Herzens gezählt werden kannten, dann wüßte alle Welt, wie reich wir waren, als Vater und Mutter gemeinsam sangen und ich zum Manne heranwuchs. Betty Lou Mell, der Freund, Januar 1981 22:38 - 22.4.2008
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