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Berichte der Pioniere

Blühen wie eine Lilie

(Nach der Lebensgeschichte von Richard Isaac Mills sen).
Daniel schob den Handkarren mit aller Kraft. Seine Arme und Beine zitterten vor Anstrengung. Er sah, wie seiner Schwester Jane, die neben ihm schob, der Schweiß über das Gesicht lief. Die Eltern zogen vorn mit aller Kraft. Er sah, wie sich die Lippen seiner Mutter bewegten. Sie hielt die Augen geschlossen, und er wußte, daß sie um Kraft betete.
Die letzten paar Wochen waren schwer gewesen. Es gab kaum noch etwas zu essen. Jeder in der Handkarrenabteilung bekam täglich nur ungefähr 230 Gramm Mehl zugeteilt. Sie hatten schon seit Tagen kein Fleisch mehr gegessen. Daniel machte der Hunger nicht soviel aus wie die Schwäche. Und jetzt waren sie an diesem Streckenabschnitt angekommen. Der tiefe, trockene Sand erschwerte das Ziehen der Wagen, und sie hatten kaum noch Kraft.
Daniels Vater setzte die Wagenstange ah und sagte: „Kommt, wir ruhen uns ein paar Minuten aus.”
Jane rollte sich vor Daniels Füßen zusammen. Er setzte sich zu ihr und hob behutsam einen ihrer Füße auf. Er riß noch einmal einen kleinen Stoffstreifen aus seinem Hemd und wickelte ihn fest um ihren Fuß.
 Bilder-Upload.eu - Hostet DEINE BilderIhre Schuhe waren schon vor Wochen zerfallen. Zuerst hatte sie versucht, im weichen Staub der Wagenspuren zu gehen. Aber ihre Füße waren so wund geworden, daß sie die meiste Zeit entweder kriechen oder sich von Daniel huckepack tragen lassen mußte. Wenn sie stehen mußte, bluteten ihre Füße, und das tat schrecklich weh. „Erzähl mir noch einmal, wie es im Tal des Salzsees sein wird”, sagte sie.
Daniel seufzte. Wenigstens hatte sie nicht gefragt, wie weit es noch war. „Die Missionare haben gesagt, daß dort schon eine sehr schöne Stadt entsteht. Es sind schon Tausende von Menschen dort angekommen, und sie haben auch schon begonnen, einen Tempel zu bauen.”
„Wohnen wir dann in der Stadt?” fragte sie.
„Die Missionare haben gesagt, ein paar von uns würden dort bleiben, aber Brigham Young wird einige Familien berufen, auch anderswo Ortschaften und Städte zu gründen.”„Wie ist das Land dort? Ist es schön?”
Daniel riß noch einen Stoffstreifen von seinem Hemd ab und wickelte ihn um ihren anderen Fuß. Er fragte sich, ob sie wohl ihren Blumengarten vermißte.
„Na ja, die Missionare haben erzählt, daß niemand anders das Land dort wollte. Deshalb hoffen die Heiligen ja auch, daß sie dort Gott verehren und Zion aufbauen können, ohne verfolgt zu werden, wie es an den anderen Orten war. Und wir werden einen schönen Ort daraus machen. Schließlich steht in den heiligen Schriften, die Wüste würde blühen wie eine Lilie” (siehe Jesaja 35:1).Jane lächelte zufrieden. Daniel lehnte sich wieder an den Handkarren. Er wußte, daß Jane das wieder hatte hören wollen: „Blühen wie eine Lilie”. Aus irgendeinem Grund tröstete sie das. Ihm kamen die Tränen, als er sie ansah. Ihre Kleidung war verschlissen, und ihre Füße waren voller Blasen und Risse, aber nie beklagte sie sich. Ihr Zeugnis von Gott war fest und sicher. Er wünschte sich, er könne das auch so empfinden.
Zuerst hatte er dieses Gefühl noch gehabt. Aber jetzt, bei all den schrecklichen Schwierigkeiten, kamen ihm immer wieder Fragen. Warum half Gott ihnen nicht? Warum war die Reise so schwer? Wollte er sich wirklich in diesem neuen Land niederlassen? Schließlich war es doch nur eine Wüste.
Daniel sah sich um. Kein Handkarren regte sich. Die meisten Mitglieder ruhten sich aus — wie seine Familie.
Seine Eltern rückten näher an ihn und Jane heran. Sein Vater nahm den Hut ab und neigte den Kopf zum Beten. „Lieber Vater”, flehte er. „Du siehst unsere Lage und weißt, was wir brauchen. Bitte segne uns, daß wir weiterleben und dir dienen und dein Reich aufbauen können.”
„Pa, sieh doch mal!” flüstere Daniel gleich nach dem Gebet. Eine große Staubwolke kam auf sie zu.
„Ist das eine wildgewordene Büffelherde?” fragte Jane.Die ganze Abteilung starrte jetzt auf die immer größer werdende Staubwolke.
„Ich glaube, es sind Indianer, Pa”, flüsterte Daniel. Jane schmiegte sich an ihn und legte ihre Hand in seine Hand.
Die Indianer hielten kurz vor der erschöpftenHandkarrenabteilung an. Die Sonne glitzerte im Sand, und man konnte die Hitze spüren und sehen. Ein Indianer stieg vom Pferd und kam langsam auf die Handkarren zu. Daniel legte beschützend den Arm um seine Schwester. Er hörte seine Mutter heftig atmen.Der Indianer ging auf den Vater zu und starrte ihn einige Augenblicke lang an. Dann griff er, ohne den Blick von Pa abzuwenden, nach der Wagenstange und begann zu ziehen. Der Wagen bewegte sich mühsam vorwärts und protestierte ächzend. Auf ein Zeichen des Mannes hin stiegen auch die übrigen Indianer vom Pferd und zogen die Handkarren durch den Sand. Über ihr finsteres Gesicht huschte manchmal ein Lächeln, als ob ihnen das Ganze Spaß machte. Die Handkarrenabteilung stieß einen Jubelschrei aus.
 Bis zum Abend befanden sich die Handkarren wieder auf festem Boden. Die Pioniere begannen ihr mageres Mahl zuzubereiten, um es mit den Indianern zu teilen, die jetzt anfingen, von zwei Ponys frisches Büffelfleisch abzuladen. Als Daniel einem der Indianer half, das Fleisch abzuladen, sah er ein Paar Mokasins, das am Sattel festgebunden war. Hätte Jane doch solche Schuhe, dachte er.Vielleicht konnte er etwas gegen die Mokasins eintauschen. Er schmeckte beim Abendessen kaum das gebratene Fleisch, weil er an nichts anderes denken konnte als an die Mokasins. Er besaß nichts als ein kaputtes Taschenmesser. Er holte es heraus und sah es an. Von der Klinge war kaum noch etwas übrig. Nein, er konnte seinen neuen Freund nicht bitten, es gegen die Mokasins einzutauschen. Das wäre nicht fair gewesen. Er steckte das Messer wieder weg.
Der Morgen kam bald. Die Indiander blieben zu Frühstück, dann trennten sich ihre Wege und die Wege der Pioniere wieder.Die Muter lehnte ihren Spiegel gegen das Wagenrad. Daniel nahm den Kamm und begann sich die Haare zu kämmen. Er murrte schon lange nicht mehr bei diesem morgendlichen Ritual. Es kam ihm zwar albern vor, sich unter diesen Umständen zu kämmen, aber er wußte, daß es seiner Mutter wichtig war.
Plötzlich sah er neben sich das erstaunte Gesicht des Indianers im Spiegel. Sein neuer Freund untersuchte den Spiegel von hinten und von vorn. Er zeigte auf den Spiegel und dann auf sich. Daniel nickte. „Mutter, ich glaube, er möchte gern den Spiegel haben.”Die Mutter blickte vom Lagerfeuer auf. „Er hat soviel für uns getan, da können wir ihm den Spiegel wohl schenken.”
Daniel hob den Spiegel hoch und gab ihn dem Indianer. Nach wenigen Minuten kam der Indianer mit seinem Pferd zurück. Er legte Daniel den Zügel in die Hand. Daniel verstand, daß der Indianer das Pferd gegen den Spiegel eintauscshen wollte. Daniel lächelte seinen Freund herzlich an, schüttelte den Kopf und gab ihm den Zügel zurück. Der Indianer zog unter der Satteldecke ein langes Gewehr hervor und bot es dem Jungen an. Wieder schüttelte Daniel den Kopf. Sein Freund stieg auf das Pferd, sah ihn einen Augenblick lang an und verschwand dann in einer Staubwolke.
Daniel seufzte. Er hätte gern um die Mokasins gebeten, aber er wußte, daß es nicht fair gewesen wäre, um noch mehr zu bitten, nachdem sie bereits soviel erhalten hatten.
Am nächsten Morgen weckte seine Schwester ihn plötzlich auf. „Daniel, komm schnell! Sieh mal, womit der himmlische Vater mich gesegnet hat.”
Auf ihrer Bettdecke lagen die schönen Mokasins. Daniel zog sie ihr behutsam an. Die Indianer hatten ihnen geholfen, aus dem Sand herauszukommen, sie hatten ihnen zu essen gegeben, und jetzt hatte sein Freund für Jane die Schuhe dagelassen! In seinem Sinn und in seinem Herzen blühte ein Gedanke auf - der himmlische Vater erhört uns wirklich, wenn wir beten!”


Daniel Page, Juni 1998

22:43 - 22.4.2008


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Hier werde ich aus alten Kirchenzeitschriften Berichte der Pioniere posten.
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