| Berichte der Pioniere |
Im Winter mit Handkarren durch die Rocky Mountains John Chislett war Unterhauptmann in der Abteilung Willie, einer der Handkarren-Abteilungen der Pioniere. Er schrieb:
„Wir erreichten Fort Laramie am ersten oder zweiten September, aber die Vorräte usw., die wir erwartet hatten, waren nicht da. Hauptmann Willie berief eine Versammlung ein, um über die Umstände, unsere gegenwärtige Lage und unsere Zukunft zu beraten und zu überlegen, was wir tun konnten. Es zeigte sich, daß uns das Mehl bei unserer gegenwärtigen Geschwindigkeit und dem täglichen Mehlverbrauch schon etwa dreihundertfünfzig Meilen vor dem Ziel ausgehen würde. Deshalb wurde beschlossen, unsere Ration von ein-dreiviertel (amerikanischen) Pfund pro Tag auf ein Pfund pro Tag zu reduzieren und gleichzeitig alles Menschenmögliche zu tun, um schneller vorwärts zu kommen. Wir behielten diese Ration von Laramie bis Independence Rock bei. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt erhielt Hauptmann Willie einen Brief von Apostel Willard Richards, in dem ihm mitgeteilt wurde, daß wir, wenn wir den South Pass erreicht hätten, mit aus dem Salt Lake Valley geschickten Vorräten rechnen könnten. Die Überprüfung unseres Mehlvorrats zeigte jedoch, daß uns das Mehl schon vorher ausgehen wurde. Deshalb blieb uns nichts anderes übrig, als die Tagesration noch weiter zu reduzieren. So bekam jeder im Durchschnitt nur noch zehn Unzen pro Tag... . Wir waren noch nicht weit entlang des Sweetwater vorangekommen, als es nachts bitterkalt wurde. Schon seit Fort Laramie waren die Nächte allmählich immer kälter geworden. Die vor uns liegenden Berge, denen wir uns immer weiter näherten, waren schon fast zur Gänze mit Schnee bedeckt, und die Wolken, die sich jeden Tag dichter um uns zusammenzuziehen schienen, waren ein sicheres Zeichen dafür, daß es bald schneien würde.... Die siehzehn Pfund Kleidung und Bettzeug, die wir hatten mitnehmen dürfen, erwiesen sich nun als völlig unzureichend. Fast alle litten nachts mehr oder weniger unter der Kälte. Anstatt morgens erholt und mit neuer Kraft und voller Tatendrang aufzustehen, bereit für die Schwierigkeiten, die der kommende Tag bringen mochte, krochen die armen Heiligen morgens abgehärmt und steif vor Kälte aus ihren Zelten und ließen alle Lebenskraft vermissen, die doch so notwendig war, um unsere Reise erfolgreich zu Ende zu führen. Die Folgen von Kälte, Nahrungsmittelknappheit, körperlicher Schwäche und Erschöpfung durch Überanstrengung ließen nicht lange auf sich warten. Die Alten und Entkräfteten ließen den Kopf hängen, doch kaum hatten sie den Mut verloren, da zeigte sich schon das Abbild des herannahenden Todes in ihrem Gesicht. Das Leben wich so leise von ihnen, wie eine Lampe erlischt, die kein Öl mehr hat. Zuerst starben die Menschen langsam und in unregelmäßigen Abständen, doch nach wenigen Tagen waren die Abstände geringer geworden, und es dauerte gar nicht lange, bis es uns schon ungewöhnlich vorkam, wenn wir an einem Lagerplatz nicht einen oder mehrere Menschen begraben mußten. Nun starben nicht mehr nur die Alten und Entkräfteten, sondern der Tod holte auch junge, kräftige Menschen.... Es kam oft vor, daß ein Vater seinen Handkarren, auf dem die kleinen Kinder saßen, bis zum Tag vor seinem Tod zog. Ich habe miterlebt, wie einige noch am Morgen ihren Handkarren zogen, dann während des Tages zusammenbrachen und noch vor dem nächsten Morgen starben... . Tag um Tag zogen wir weiter – in Elend und Kummer. Manchmal legten wir eine ziemlich weite Strecke zurück, dann wiederum schafften wir nur wenige Meilen. Schließlich gerieten wir in einen Schneesturm, und der scharfe Wind heulte uns wütend um die Ohren... . Am Morgen war der Schnee mehr als dreißig Zentimeter tief. Der Schneesturm hatte unser Vieh weit auseinandergetrieben, und einige Tiere waren verendet. Aber noch viel schlimmer war, daß fünf Menschen – Männer und Frauen – dem kalten Hauch des Todes erlegen waren. Am Morgen vor dem Sturm, oder richtiger gesagt, am Morgen des Tages, an dem der Sturm aufkam, hatten wir die letzte Mehlration verteilt. Deshalb hatten wir an diesem besagten Morgen nichts zum Verteilen. Wir hatten aber noch ein, zwei Fässer mit getrocknetem Brot, das Hauptmann Willie in weiser Voraussicht in Fort Laramie gekauft hatte. Es wurde gerecht aufgeteilt und an alle in der Abteilung ausgegeben.... Der Schnee war dreißig Zentimeter tief, wir hatten nichts mehr zu essen, viele waren krank, und unser Vieh verendete. Deshalb wurde beschlossen, daß wir im Lager bleiben sollten, bis der versprochene Nachschub ankam... Die karge Ration von hartem Brot und schlechtem Fleisch, die wie beschrieben verteilt worden war, war zum größten Teil schon am ersten Tag aufgegessen, denn die Leute waren ja kurz vor dem Verhungern. Wir schlachteten mehr Vieh und verteilten das Fleisch; doch weil wir es ohne Brot essen mußten, stillte es den Hunger nicht, und außerdem schadete es den an Durchfall Erkrankten mehr, als es ihnen nutzte. Während dieser drei Tage griff die schreckliche Krankheit immer mehr um sich, und mehrere Menschen starben an Erschöpfung.... Die Erinnerung daran erschüttert mich noch immer – was waren das doch für drei schreckliche Tage! Während dieser Zeit kümmerte ich mich um die Kranken und um die Witwen, deren Mann für sie gestorben war, und um die Alten, die sich selbst nicht mehr helfen konnten; ich wollte feststellen, an wen ich die wenigen Mittel verteilen sollte, die man meiner Obhut übergeben hatte. Nie zuvor habe ich solch furchtbaren Hunger miterlebt, und ich bitte Gott, daß er mir diesen Anblick in seiner Gnade auch in Zukunft ersparen mag." Zur Kompanie gehörte auch eine Frau namens Jackson. Sie schrieb: „Ich ging so gegen neun Uhr schlafen. Weil wir kaum noch Bettzeug hatten, zog ich mich nicht aus. Ich schlief – wie es mir vorkam – bis Mitternacht. Ich fror schrecklich. Draußen war es bitterkalt. Ich horchte, ob ich meinen Mann atmen hören konnte, denn er lag so still da. Ich konnte nichts hören. Ich bekam große Angst und legte eine Hand auf seinen Körper. Zu meinem Entsetzen mußte ich feststellen, daß meine schlimmste Befürchtung sich erfüllt hatte. Mein Mann war tot. Ich bat die anderen, die noch im selben Zelt schliefen, um Hilfe. Aber sie konnten mir nicht helfen; und so blieb mir nichts weiter übrig, als bis zum Morgen allein neben der Leiche liegenzubleiben. Oh, wie langsam diese schrecklichen Stunden vergingen: Als es hell wurde, kamen Männer aus dem Lager und machten meinen Mann für die Beerdigung fertig. Ach, und die sogenannte Beerdigung und die Trauerfeier! Sie zogen ihm seine Kleidung nicht aus er hatte auch kaum welche. Sie wickelten ihn in eine Decke, legten ihn zusammen mit dreizehn weiteren Toten auf einen Haufen und bedeckten diesen mit Schnee. Die Erde war so tief gefroren, daß man kein Grab ausheben konnte. Dort blieb er, um in Frieden zu schlafen, bis die Posaune Gottes erklingt und die Toten in Christus auferweckt und am Morgen der ersten Auferstehung hervorkommen werden... . Ein paar Tage nach dem Tod meines Mannes ... war die Anzahl der männlichen Mitglieder der Abteilung durch Todesfälle stark zurückgegangen, und diejenigen, die noch am Leben waren, waren so schwach, abgemagert und krank, daß es am Abend, wenn wir unseren Lagerplatz erreichten, nicht mehr genug kräftige Männer gab, um die Zeltpflöcke einzuschlagen und die Zelte aufzubauen. So mußten wir unter freiem Himmel nächtigen, und die Sterne waren unsere Gefährten. Der Schnee lag mehrere Zentimeter hoch, und nachts war es bitterkalt. Ich setzte mich mit einem Kind auf dem Schoß und einem anderen Kind an meiner Seite auf einen Stein und blieb dort bis zum Morgen sitzen.” An diesem Punkt ließ Hauptmann Grant, der zur Vorhut der Hilfsmannschaft gehörte, eine Nachricht mit folgendem Wortlaut an Präsident Brigham Young senden: „Es hat keinen Sinn, die Lage der Menschen hier beschreiben zu wollen, denn darüber werdet Ihr in Kürze mehr von Eurem Sohn Joseph A. und [Bruder] Garr hören, die Euch diese Eilbotschaft überbringen. Aber vielleicht könnt Ihr Euch vorstellen, wie fünf-, sechshundert Menschen — Männer, Frauen und Kinder –, erschöpft von der Anstrengung, ihren Handkarren durch Matsch und Schnee zu ziehen, am Wegesrand ohnmächtig werden und völlig durchfroren niedersinken; wie die Kinder weinen, deren Glieder steif vor Kälte sind, wie ihre Füße bluten, wie manche sogar bei Schnee und Frost barfuß gehen müssen. Dieser Anblick ist auch für die Stärksten von uns kaum zu ertragen" Auf der Generalkonferenz in Salt Lake City, die am 5. Oktober 1856 stattfand, sagte Präsident Brigham Young: „Viele unserer Brüder und Schwestern befinden sich mit ihren Handkarren auf der Prärie, und wahrscheinlich sind viele derzeit noch mehr als tausend Kilometer von hier entfernt. Wir müssen sie holen, wir müssen ihnen Hilfe senden.... Ich rufe heute noch die Bischöfe auf. Ich warte nicht bis morgen oder übermorgen. Ich brauche sechzig gute Maultiergespanne und zwölf bis fünfzehn Wagen. Ich möchte keine Ochsen schicken, sondern gute Pferde und Maultiere. Es gibt sie hier in unserem Territorium, und wir müssen sie haben. Außerdem elf Tonnen Weizen und vierzig gute Lenker zusätzlich zu denen, die die Gespanne lenken.... Zuerst aber vierzig gute junge Männer, die wissen, wie man ein Gespann lenkt, und die sich um die Gespanne kümmern können, für die jetzt Männer, Frauen und Kinder zuständig sind, die nichts davon verstehen. Zweitens sechzig bis fünfundsechzig gute Maultier- oder Pferdegespanne mit Geschirr, Wagenschwengel, Joch, Fußlatte, Zugketten usw. Und drittens elftausend Kilogramm Mehl, das wir ja vorrätig haben... . Ich sage euch: All euer Glaube, eure Religion, euer Bekenntnis zur Religion werden auch nicht einen einzigen von euch ins celestiale Reich unseres Gottes bringen, wenn ihr nicht die Prinzipien, die ich euch gerade jetzt lehre, in die Tat umsetzt. Geht und holt die Leute her, die jetzt auf der Prärie sind. Und haltet euch strikt an das, was wir als zeitlich, als zeitliche Pflicht bezeichnen. Denn sonst ist euer Glaube vergebens. Die Predigten, die ihr gehört habt, werden euch nichts nützen, und ihr werdet in die Hölle sinken, wenn ihr nicht das tut, was wir euch sagen." Inzwischen hatte die Abteilung Willie gehört, daß eine Hilfsmannschaft mit Vorräten auf dem Weg war, und Hauptmann Willie sowie ein weiterer Mann wurden ausgesandt, um die Wagen zu suchen und die Rettung der festsitzenden Mitglieder zu beschleunigen. John Chislett schrieb: „Am Abend des dritten Tages nach Hauptmann Willies Aufbruch (es war der 21. Oktober), als die Abendsonne gerade in ihrer ganzen Schönheit hinter den fernen Bergen versank, sahen wir auf einer genau westlich des Lagers gelegenen Anhöhe mehrere Planwagen, die von je vier Pferden gezogen wurden, auf uns zukommen. Die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Lager, und wer aufstehen konnte, verließ seine Bettstatt, um die Ankömmlinge zu sehen. Nach einigen Minuten waren sie so nahe herangekommen, daß wir unseren treuen Hauptmann vor den Wagen herziehen sahen. Freudenrufe erfüllten die Luft; selbst starke Männer weinten, und die Tränen liefen ihnen über die zerfurchten und von der Sonne verbrannten Wangen. Auch die kleinen Kinder wurden von der Freude angesteckt, obwohl sie sie wohl kaum verstehen konnten. Sie tanzten fröhlich umher. Im allgemeinen Freudentaumel waren alle Anstrengungen vergessen, und als die Brüder unser Lager erreicht hatten, stürzten sich die Frauen auf sie und überschütteten sie mit Küssen.." Als sich die Mitglieder, die so schwer hatten leiden müssen, dann kurz vor dem Salt Lake Valley befanden, rief Präsident Brigham Young die Mitglieder erneut ins Tabernakel und sagte: „Wenn diese Leute eintreffen, dann möchte ich, daß sie nicht sich selbst überlassen in Häusern untergebracht werden. Ich möchte vielmehr, daß sie in der Stadt auf Familien verteilt werden, die ein schönes, bequemes Haus besitzen; und ich möchte, daß alle Schwestern, die heute hier sind, und auch alle, die sich damit auskennen und dazu in der Lage sind, sich um die Neuankömmlinge kümmern und sie bedarfsgerecht mit Medikamenten und Nahrung versorgen. Darüber zu sprechen gehört zu meiner Religion, denn sie hat auch etwas mit Fürsorge für die Heiligen zu tun... . Die Nachmittagsversammlung fällt aus, denn ich möchte, daß die Schwestern nach Hause gehen und Vorbereitungen treffen, um den Ankommenden etwas zu essen zu geben, sie zu waschen und sie gesundzupflegen. Wäre ich an Stelle derer, die gerade ankommen, dann wäre mir eine Schüssel Pudding und Milch oder eine gebackene Kartoffel mit Salz natürlich lieber als all euer Beten, selbst wenn ihr den ganzen Nachmittag hierbleiben und beten würdet. Beten ist gut, aber wenn gebackene Kartoffeln und Pudding und Milch gebraucht werden, dann ist Beten kein Ersatz dafür. Alles zur richtigen Zeit und am richtigen Ort... . Ihr werdet feststellen, daß manchen die Füße bis zu den Gelenken erfroren sind; anderen sind die Beine bis zum Knie erfroren, und wieder anderen die Hände. ... Wir möchten, daß ihr sie so aufnehmt, als ob sie eure eigenen Kinder wären, und daß ihr ihnen die gleiche Zuneigung entgegenbringt. Wir sind ihre zeitliche Erretter, denn wir haben sie vor dein Tod bewahrt.." James E. Faust, November 1997 Unter allen Schilderungen von Glauben ist kaum eine so machtvoll wie das, was von einem alten Pionier erzählt wird; Jahre nach den Ereignissen verteidigte er die Entscheidung der Handkarrengruppe Martin, sich 1856 noch spät im Jahr auf den Weg ins Salzseetal zu machen. Er war einer der fast 3000 Heiligen gewesen, die zwischen 1856 und 1862 in einer von zehn Gruppen von Iowa oder Nebraska nach Utah liefen und dabei ihre Habe auf Handkarren zogen oder schoben. In einer Sonntagsschulklasse wurden die unglücklichen Handkarrengruppen Martin und Willie heftig kritisiert. Beide Gruppen waren spät zum Zug ins Salzseetal aufgebrochen und erlitten dadurch ein tragisches Schicksal. Ein älterer Mann stand auf und sagte: „Bitte hören Sie mit dieser Kritik auf. Sie wissen nicht, worüber Sie da reden. Kalte historische Fakten ... geben nicht richtig wider, um was es hier ging. War es falsch, die Handkarrengruppen so spät im Jahr aufbrechen zu lassen? Ja. Aber ich war dabei, und meine Frau ... auch. Wir haben mehr gelitten, als Sie sich vorsteilen können, und viele von uns starben an Unterkühlung und Hunger; und doch ... in diesen extremen Umständen lernten wir [Gott] kennen. Ich habe meinen Karren gezogen und war durch Krankheit und Nahrungsmangel so schwach und müde, daß ich kaum einen Fuß vor den anderen stellen konnte. Ich habe nach vorn geschaut und ein Erdloch oder eine Steigung gesehen, und mir gesagt: So weit kann ich gehen, dann muß ich aufgeben, denn diese Ladung kann ich da nicht durchziehen. . . . Ich ging bis an den Sand, und als ich dort war, begann der Karren, mich zu schieben. Oft habe ich mich umgeschaut, um zu sehen, wer meinen Karren schob, doch ich konnte niemanden sehen. Da wußte ich, daß die Engel Gottes da waren. Hat es mir leid getan, daß ich mich für die Reise mit dem Handkarren entschieden hatte? Nein. Weder damals noch eine einzige Minute seither. Es war eine Ehre, den Preis dafür zahlen zu dürfen, daß wir Gott kennenlernten. Ich bin dankbar dafür, daß ich die Ehre hatte, mit der Handkarrengruppe Martin kommen zu dürfen.” (Zitiert in .Pioneer Women" von David 0. McKay, The Relief Society Magazine, Januar 1948, Seite 8 ) (Auszug aus "Jeder Schritt im Glauben" aus dem Stern von Februar 1997 von Elder Rkobert L. Backman) 22:57 - 22.4.2008
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