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Berichte der Pioniere

Die Abenteuer der Margaret Judd Clawson

Margaret Judd, ein siebzehnjähriges Mädchen, das mit seiner Familie 1849 —  im Jahr des Goldrausches — nach dem Westen zog, schrieb nieder, was sie unterwegs erlebt hatte, Ihr Bericht ist sehr lebhaft geschrieben und beweist Humor. Margaret wurde in Ontario in Kanada geboren. Dort schlossen sich ihre Eltern der Kirche an, als sie fünf Jahre alt war. Sechzig Jahre nach dem Treck schrieb Margaret, welche Interessen und Eindrücke sie gehabt hatte, als sie als halbwüchsiges Mädchen nach Utah zog, wo der Traum der Familie, sich mit den Heiligen zu sammeln, wahr wurde. Ihre Aufzeichnungen tragen den Titel „Rambling Reminiscenses of Margaret Gay Judd Clawson” („Gemischte Erinnerungen der Margaret Gay Judd Clawson"). Drei Jahre nach ihrer Ankunft in Saft Lake City wurde Margaret kurz vor ihrem 21. Geburtstag die zweite Frau des jungen Hiram B. Clawson. Bruder Clawson wurde ein angesehener Geschäftsmann und Händler und leitete Präsident Brigham Youngs finanzielle Angelegenheiten. Einer von Hirams und Margarets Söhnen, Roger, wurde Präsident des Rats der Zwölf. Margaret starb 1912 im Alter von 81 Jahren in Salt Lake City.
 „Nachdem die Heiligen Nauvoo verlassen hatten, verdoppelten meine Eltern ihre Anstrengungen, um einen Wagen und die Ausrüstung für die Reise in die Rocky Mountains zu bekommen. Vater war inzwischen jedoch zwei- oder dreimal ziemlich krank: das hielt uns gewaltig auf. Ich erinnere mich noch genau daran, wie schwer es für ihn war, die Tiere daran zu gewöhnen, einen Wagen zu ziehen. Wir hatten sechs Kühe und zwei Ochsen. Die Ochsen waren gut gezähmt und ziemlich ruhig, aber die Kühe wild und nicht zu lenken. Er holte sich Hilfe, um sie ins Joch zu spannen. Plötzlich rannte jede in eine andere Richtung, wo Vater sie nicht haben wollte, oder sie rannten zur Rückseite des Wagens und brachten dort alles durcheinander.
 Tag für Tag geschah das gleiche, und während Vater das Vieh abrichtete, betete meine Mutter. Später erzählte sie mir, daß sie viele Nächte lang, während wir schliefen, in den Obstgarten hinter unser Haus ging und dort ernsthaft betete; sie hat den Herrn, er möge uns einen Weg öffnen, wie wir mit den Heiligen mitziehen könnten. Sie war bereit, Not und Entbehrung auf sich zu nehmen, wenn sie nur bei ihnen sein konnte.
 Sie hatte auch meinetwegen Angst, denn ich war halbwüchsig und mit siebzehn in dem Alter, wo man für Romantisches sehr empfänglich ist. Mutter wußte das und hatte Angst, mich könnte ein junger Mann dazu bringen, mehr an ihn als an sie zu denken, und mich überreden, dort zu bleiben. Sie konnte ohne die Kirche nicht leben und wollte auch keines ihrer Kinder zurücklassen. Deswegen sagten meine Eltern, daß wir nicht länger dortbleiben dürften.
 Nach Wochen schwerer Arbeit hatte Vater die Kühe soweit, daß er sie lenken konnte, und am 9. Mai 1849, am 16. Geburtstag meines Bruder Riley, sagten wir unseren Freunden und Verwandten Lebewohl, stiegen in unsere Wagen und begannen eine weite, ereignisreiche Reise. Das Gesicht meiner Mutter strahlte vor Freude! Was machte ihr schon Mühsal aus, wenn sie nur das Ziel erreichen konnte! In der ersten Nacht nach Beginn der Reise schliefen wir im Freien in der Prärie; Vater nahm dem Vieh das Joch ab und ließ es im Gras weiden. Er mußte auf die Tiere aufpassen, damit sie nicht davonliefen. Wir hatten genug Brennholz zusammengetragen, um ein gutes Feuer zu machen, und Mutter kochte gerade das Abendessen, als plötzlich ein heftiges Gewitter losging. Es goß in Strömen, und wir waren alle durchweicht. Obwohl wir, so schnell wir konnten, zum Wagen liefen, peitschte der Wind den Regen so sehr, daß uns der Wagen wenig Schutz bot.
 Natürlich ging das Feuer aus, und wir konnten an diesem Abend auch kein Essen kochen. Doch am nächsten Tag schien die Sonne wieder, alles wurde trocken, und wir konnten unsere Reise fortsetzen. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange wir gebraucht haben, bis wir nach Council Bluffs in Iowa kamen, aber ich weiß, daß wir dort unser Lager einen ganzen Monat lang aufgeschlagen hatten, um zu warten, bis die anderen bereit waren. Sie mußten sich organisieren, um sich vor den Indianern zu schützen. ,O, so ein Lagerleben ist eintönig, wenn man nicht weiterfahren kann! Wir freuten uns alle sehr, als wir endlich unsere Reise nach Salt Lake City beginnen konnten. Alles war eitel Wonne. Ich war jung und gesund. Alles erschien mir wunderschön, Pflicht, Angst und Sorge oblag meinen Eltern.
 So, wie wir reisten, glich ein Tag sehr dem anderen. Am Abend eines Reisetages schlugen wir unser Lager auf. Die Männer versorgten die Tiere, während die Frauen das Abendessen zubereiteten. Danach machten die Jugendlichen gewöhnlich ein Lagerfeuer, um das sie sich setzten, miteinander redeten, einander Geschichten erzählten, Lieder sangen und so weiter.
 Jeder mußte den Lagerplatz des anderen respektieren; das war so viel Platz, wie man für die Joche der Ochsen, den Kochkessel und alles das brauchte, was für die Reise notwendig war. Wenn ich daher von einem Jugendlichen Besuch bekam, saß ich auf einem Ochsenjoch genauso gut wie zu Hause auf einem bequemen Stuhl im Wohnzimmer. So ist das Leben im Freien.
 Mein Bruder führte einer Witwe und ihrem kleinen Mädchen das Ochsengespann. Das kleine Mädchen war sehr reizend und lieb, die Mutter eher merkwürdig. Mein Bruder sagte, daß sie an einem Tag mehr Fragen stellte, als zehn Männer in einer Woche beantworten könnten. Er war ein geborener Witzemacher, und Spaßmachen gehörte bei ihm ebenso wie das Atmen zum Leben. Er konnte ihr das Absurdeste und Lächerlichste erzählen, sie glaubte ihm immer. Er wurde ihrer Fragen ganz überdrüssig. Es waren immer die gleichen: ,Riley, wie weit sind wir heute wohl gefahren?' ,Wie weit werden wir morgen wohl fahren?' ,Ob wir Wasser finden werden?' ‚Ich frage mich, ob wir Indianer treffen werden?' ,Was werden die denn machen?' und ,Werden sie freundlich oder wild sein?' Ihre Fragen wurden so eintönig, daß er sie fast nicht aushalten konnte. Zuletzt rächte er sich, als wir den Chimney Rock erblickten. Jeder, der die große Ebene mit dem Wagen oder mit dem Zug überquert hat, hat ihn sicherlich gesehen. Er ist ganz typisch für die Landschaft, sieht irgendwie wie ein Schornstein aus und ist wahrscheinlich schon Jahrhunderte alt. Bei unserem Reisetempo konnten wir ihn mehrere Tage lang sehen, bevor wir ihn erreichten. Als sie begann, ihre Vermutungen über den Felsen anzustellen, sagte er ihr ganz vertraulich, daß er ihn umstoßen werde, sobald sie dort angelangt seien; denn ihm wäre es ohnehin zu dumm, so viel über den Chimney Rock zu hören: außerdem meinte er, der Felsen habe schon lange genug dort gestanden. Sobald er seine Hand daran legen würde, würde der Fels umkippen. Sie bat ihn und flehte ihn an, den Felsen doch stehen zu lassen, damit andere Auswanderer, die nach uns kämen, ihn auch noch sehen könnten, aber er blieb hart. Dann drohte sie ihm und sagte, sie würde es Brigham Young erzählen, sobald sie in das Salzseetal kämen. Das war immer ihre letzte Zuflucht. So ängstigte er sie weitere zwei Tage, bis wir nur noch ungefähr einen Kilometer vom Felsen entfernt waren. Dann gab er ihren Bitten nach und sagte, er würde ihn doch stehen lassen. Sie freute sich so sehr darüber, daß sie ihm an diesem Tag ein besonders gutes Essen bereitete. Er hatte nicht die Absicht, seinen letzten Witz mit ihr so ausgehen zu lassen, wie es dann letzten Endes geschah. Nur um sie zu necken, hatte er ihr gesagt — bevor wir zur letzten Schlucht kamen — , daß ihr Wagen umkippen würde, ja, daß er wisse, daß es so kommen würde. Sie sagte, daß sie das Brigham Young erzählen würde, falls es wirklich passieren sollte. Und dann kippte der Wagen tatsächlich um. Es war selbst für einen Mann schwer, einen Wagen durch die Schlucht zu lenken. Riley erlebte damit eine böse Überraschung. Er war noch ein Junge und hatte nun große Angst. Keiner arbeitete so angestrengt wie er, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Mit der Hilfe der Männer aus dem Lager gelang es ihm schließlich, den Wagen wieder auf die kurvige und steile Straße hinaufzubringen. Der Wagen sah ziemlich demoliert aus — die Stützen für die Plane waren zerbrochen, aber der Inhalt wurde wenigstens kaum beschädigt. Es war unser letzter Tag, bevor wir ins Tal kamen, und so überstand er ihn gut. Riley hat nie etwas davon gehört, ob die Witwe Brigham Young davon erzählt hat oder nicht.
 Nachdem wir ein paar hundert Kilometer dahingezogen waren, wurde die Eintönigkeit dadurch unterbrochen, daß unsere Tiere durchgingen. Es sah so aus, als ob die Tiere umso leichter zu erschrecken waren, je länger wir unterwegs waren, und je mehr sie sich anstrengten. Eines Nachts erlebte ich einen furchtbaren Schreck. Wir hatten den Auftrag bekommen, die  Tiere jede Nacht in die Wagenburg zu treiben: ich denke, daß uns dies wegen der Indianer oder wegen der großen Büffelherden geboten wurde, die wir täglich sahen. Am Abend wurde das Vieh freigelassen, damit es weiden konnte, es wurde bewacht und behütet und danach in die Wagenburg gebracht. Dafür wurde mit den Wagen ein großer Kreis gebildet, die Wagen standen Rad an Rad: eine Öffnung wurde freigelassen, durch die die Tiere hereingetrieben wurden. Danach wurden Balken quer über die Öffnung gelegt, damit die Tiere ganz sicher waren.
 Wir befanden uns in dem Gebiet, in dem es viele Büffel gab. Wir haben davon gehört, wie schrecklich es ist, wenn eine Büffelherde durchgeht. Wir hatten auch gehört, daß vor kurzem eine Büffelherde in Panik losgerast war und daß die Büffel, als sie zum Ufer des Platte River kamen, sich hineinstürzten. Die ersteren bildeten für die Nachfolgenden eine Brücke und wurden von diesen zu Tode getrampelt, und sie ertranken.
 Eines Nachts -- es war zwei Uhr -- lag das ganze Lager in friedlichem Schlaf, als man plötzlich ein schreckliches Trampeln und Dröhnen hörte. Der Boden zitterte, und unsere Wagen schaukelten und bebten. Mir schoß es durch den Kopf, daß wohl eine Büffelherde auf panischer Flucht war und uns alle zu Tode trampeln würde. Deshalb zog ich mir die Decke über den Kopf und bereitete mich auf das Sterben vor. Die Mutter rief gleich Phebe und mich, weil sie aus unserem kleinen Schlafgemach nichts hörte (wir hatten die Vorderseite des Wagens), ich antwortete mit erstickter Stimme aus meiner Decke heraus, daß ich noch am Leben war.
 Schließlich stellte sich heraus, was wirklich geschehen war. Unser eigenes Vieh war aus der Wagenburg ausgebrochen. Irgend etwas hatte die Tiere erschreckt, und sie waren vorerst wie wild im Innern der Wagenburg immer wieder ist Kreis herumgelaufen und hatten dann die Balken bei der Öffnung durchbrochen. Nichts konnte sie zurückhalten. Sie verstreuten sich viele Kilometer weit in der Umgebung. Unsere Männer brauchten viele Tage lang, um sie wieder zurückzubringen. Die Tiere, die uns erhalten geblieben waren — denn einige starben an Erschöpfung, und einige wurden getötet —  sahen schrecklich aus. Zwei der Rinder unseres Führers waren einen sehr steilen Hügel hinaufgelaufen, aber dann hinuntergestürzt und hatten sich das Genick gebrochen — das ergab ein Paar weniger, die seinen Wagen ziehen sollten: es bedeutete auch, daß er weniger Milch bekam (gute Milch — was für ein Luxus in dem Gebiet).  Bei diesem Vorfall wurden zwei oder drei Männer verletzt -- einer davon ziemlich arg. Es war ein Goldgräber auf dem Weg nach Kalifornien, der uns eingeholt hatte und eine Weile mit uns reiste. Die Auswanderer nach Kalifornien kamen viel schneller voran als wir Mormonen. Als er versucht hatte, ein Rind aufzuhalten, wurde er niedergetrampelt. Er stöhnte schrecklich. Ich sah ihn erst wieder, als er uns an einem Tag im darauffolgenden Winter besuchte. Die ganze Zeit über war er auf seinen Knien. Er konnte aufstehen, aber nicht sitzen. Ich habe nie wieder von ihm gehört, außer daß er auf dem Weg nach den Goldminen war. Viehhüter sagen, daß das Hausrind das wildeste Tier sei, wenn es in der Herde durchgehe. Es geschieht zwar selten, aber wenn, laufen diese Tiere alle auf einmal los, so, als ob ein Blitz sie alle im gleichen Augenblick getroffen hätte.
 Bald danach ereignete sich das nächste erschreckende Abenteuer. Als wir an einem schönen Nachmittag in einem gemütlichen Tempo weiterzogen, rasten plötzlich alle Wagen unserer Gruppe blitzschnell in alle Richtungen davon, Ich glaube, die schnellsten Pferde hätten nicht so schnell sein können, wie es unser Vieh war. Vater saß auf dem Wagen und versuchte, über seine verläßlichen, alten Ochsen wieder die Kontrolle zu gewinnen: einmal redete er ihnen gütlich zu, dann mußte er wieder die Peitsche gebrauchen. Er befürchtete, daß die Tiere mit anderen Gespannen zusammenprallen und einen Unfall verursachen könnten. Es hätte auch sein können, daß die Tiere den Wagen, in dem wir alle saßen, umgeworfen hätten. Wir fuhren über Stock und Stein. Wir wurden so hin und her geworfen, daß wir unseren Kopf manchmal an den oberen Wagenbogen stießen und dann wieder irgendwo im Wageninneren landeten. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wieder hatte ich den Tod vor Augen und steckte deswegen meinen Kopf unter die Decke. Wenn ich sterben sollte, dann wollte ich dabei nicht zusehen müssen. Mutter zog mir die Decke schnell vom Kopf, und als unser Wagen wieder stillstand, belehrte sie mich ausführlich darüber, daß ich immer aufpassen und nach einer Möglichkeit zur Flucht Ausschau halten müsse.
 Als die Tiere vom Laufen zu erschöpft waren, blieben sie stehen. Es war zu mehreren Unfällen gekommen, und eine Frau war sogar dabei getötet worden, als sie zu Boden gestoßen und überrannt wurde. Sie hinterließ mehrere Kinder. Wir alle fürchteten solche Ereignisse sehr — es ist auch zum Fürchten, wenn eine Rinderherde in Panik gerät. Selbst bei den Menschen ist es oft so, daß man sie nicht dafür verantwortlich machen kann, wenn die Furcht größer wird als der Verstand.
 Eine Kuh in unserem Gespann war wirklich intelligent. Ja, sie war so klug, daß sie sich hinter Weiden versteckte, um nicht angespannt zu werden; aber wenn Vater sie fand und anspannte, dann arbeitete sie gut. Auch gab sie viel Milch. Einmal wurde sie lahm und konnte kaum weitergehen. Meine Eltern machten sich deswegen viele Sorgen, besonders weil wir ja auch schon eine Kuh verloren hatten. Sie fürchteten, daß wir nicht so schnell wie die anderen weiterziehen konnten, und deshalb sagte Mutter, sie würde der Kuh einen Breiumschlag auflegen, sobald sie sich für die Nacht niedergelegt hatte. Sie legte einen wirklich großen auf, der die ganze lahme Hüfte bedeckte. Am nächsten Tag, als Vater zu den Tieren hinausging, rief er aus: ,Mutter, du hast die falsche Hüfte behandelt.' Mutter sagte: ,Mach dir nur keine Sorgen deswegen. Das paßt schon. Es hat schon gewirkt: Und tatsächlich humpelte die Kuh an diesem Tag fast nicht, und es ging ihr so gut wie immer. Ich weiß, daß Mutter in diesen Breiumschlag viel Glauben gemischt hatte.
 Im Frühherbst fanden wir gewöhnlich wilde Früchte wie Kirschen, Eisbeeren und kleine rote Beeren, die wir Büffel- oder Indianerfraubeeren nannten. Die Beeren schmeckten uns alle sehr gut. Eines Tages beschloß ich, am selben Abend einen Empfang zu geben. Nachdem wir das Lager aufgeschlagen hatten, lud ich einige Mädchen und Jungen ein, am Abend bei unserem Lagerfeuer zu sitzen. Der Empfang sollte stattfinden, nachdem wir alle unsere Arbeit getan hatten. Niemand schlug die mündliche Einladung oder eine kurze Mitteilung ab. Sie freuten sich alle, daß sie kommen konnten, und niemand sagte nein.
 In der Zwischenzeit hatte ich Mutter um die Erlaubnis gebeten, einen Büffelbeerenkuchen zu bereiten. Natürlich erlaubte sie mir das. Ein Kuchen war schon etwas ganz Besonderes und auf unserer Reise selten. Ich wollte meine Gäste mit einem solchen Luxus an Erfrischungen überraschen. Und das gelang mir. Kaum hatte ich das Joch der Ochsen und anderes kunstvoll aufgestellt, als auch schon meine Gäste eintrafen. Sie kamen nicht so spät, wie es heutzutage üblich ist. Wir plauderten ein bißchen und sangen einige Lieder, und dann entschuldigte ich mich, ging in die Vorratskammer (eine Kiste unter dem Wagen) und brachte meinen Kuchen. Als ich den Kuchen verteilte, bemerkte ich entschuldigend, daß der Kuchen vielleicht nicht süß genug sein könnte. Ein höflicher junger Mann sagte schnell: .O, alles, was diese Hände machen, muß einfach süß sein.' Und ich glaubte ihm gerne.
 Nachdem ich meiner Gesellschaft jedem ein Stück Kuchen gegeben hatte, nahm auch ich mir eines. Ich biß ab und aß, aber es schmeckte, als ob es mit Zitronensäure gesüßt worden wäre! Nie wieder habe ich auf der Reise einen Kuchen gebacken. Ich habe mich oft gefragt, wie alle das essen konnten, aber der Anstand verlangte es. Ich glaube nicht, daß es im ganzen Lager genug Zucker gegeben hätte, um diesen Kuchen süßen zu können. Das beste Essen, das ich auf unserer Reise aß, war für mich unser Mittagessen. Mutter machte morgens einen Kessel voll Weizenbrei und wickelte ihn dann ein, um ihn warm zu halten. Nach dem Melken wurde die Milch in ein kleines Faß gegeben, das verschlossen wurde, damit nichts überlief. Wenn wir dann zu Mittag das Lager aufschlugen, um die Tiere weiden zu lassen, holte Mutter den Brei und die Milch heraus. Es schmeckte einfach zu gut für so arme Leute wie uns! Meine Schwester Phebe mochte es überhaupt nicht. Sie sagte, sie würde immer hungrig davon. Bei unserer Reise über die Ebenen hörte ich nie jemanden über schlechten Appetit klagen. Alles schmeckte gut, ausgenommen mein Kuchen. Brot und Speck schmeckten besser als der Pflaumenpudding und der Mehlkuchen, den wir jetzt bekommen. Wie die Umstände unseren Geschmack verändern können!
 Die größte Mühsal hatte ich zu erleiden, einen Tag bevor wir nach Laramie in Wyoming kamen. Die Rinder waren müde und hatten wunde Beine: sie zogen den Wagen wirklich schwer, und so sagte Vater uns in der Früh, daß wir alle gehen müßten. Wir durften an diesem Tag nicht fahren. Diesen erinnerungswürdigen Marsch werde ich nie vergessen: Männer und Frauen sanken knöcheltief im Sand ein, die Rinder und Wagen noch viel tiefer. Als wir an diesem Abend unser Lager aufschlugen, hatten wir 16 Kilometer zurückgelegt. Ich hatte den Eindruck, es wären tausend gewesen, und ich wünschte mir an diesem Tag oft, daß ich irgendwo sein könnte, wo die Menschen nicht müde würden.
 Zuletzt gelangten wir an das Ende unserer langen, ermüdenden Reise, und am Abend des 15. Oktober schlugen wir unser Lager am Anfang des Emigration Canyon auf. Oh, wir hatten einen herrlichen Blick hinunter auf das Tal des Großen Salzsees! Am nächsten Morgen standen wir zeitig und fröhlich auf und fuhren bald hinunter."
Gordon Irving, November 1978 

22:14 - 22.4.2008


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