BLOGas.lt Hol Dir jetzt kostenlos Dein eigenes Blog! N�chstes Tagebuch

Berichte der Pioniere

Der rote Mantel

  Warum hab ich nur auf diese Mormonenmissionare gehört?" dachte Johanna Anderson. Das Schiff unter ihren Füßen schlingerte und stampfte. Es war eine stürmische Überfahrt, und heute war es besonders schlimm. So gut wie jeder, den sie an Bord kannte, war seekrank, und ihr Glaube begann zu schwinden. „Warum muß diese Reise so lang und mühsam sein?” dachte sie.
Sie hätte in diesem Moment ebensogut zu Hause bei ihren lieben Eltern in Schweden sein können. Sie waren Anfang des 19. Jahrhunderts von Missionaren bekehrt worden, und es war ihr großer Wunsch gewesen, ihre Kinder nach Salt Lake City zu schicken. Als ihr Sohn Neils für seine Frau und sich das Fahrgeld beisammen hatte, beschlossen die Eltern, die Gelegenheit zu nutzen und die vierzehnjährige Johanna mitfahren zu lassen.
Johanna dachte daran, mit wieviel Sorgfalt ihre Mutter die Truhe gepackt hatte. Ganz unten lag ein Überraschungspaket für sie bereit. „Johanna”, hatte die Mutter gesagt, „wenn du weit fort von zu Hause bist, wenn dein Glaube schwach wird oder wenn du Hilfe brauchst, dann öffne das Päckchen ganz unten in deiner Truhe. Es wird dich aufheitern und deinen Glauben stärken, bis du nach Utah kommst.”
Eigentlich hatte ihre Stimmung nun wirklich einen Tiefpunkt erreicht. Die Schiffspassagiere hatten unter den schweren Stürmen gelitten, und jetzt fing auch noch das Trinkwasser für die dreimonatige Überfahrt an zu faulen. Viele Passagiere waren schwer erkrankt, und einige waren sogar gestorben und auf See begraben worden. Es mochte also der passende Zeitpunkt sein, das Päckchen zu öffnen, das ihr die Mutter mitgegeben hatte.
Sie ging in den Gepäckraum und suchte ihre Truhe heraus. Sie öffnete die Truhe und tastete nach dem Paket. Als sie sah, was drinnen war, traten ihr Tränen in die Augen. Es war der allerschönste rote Mantel, den sie je gesehen hatte. Ihre Mutter mußte viele Stunden daran gesessen haben. Sie schlüpfte hinein - er war warm und weich - und führte einen kleinen Freudentanz auf.
So glücklich war sie schon lange nicht gewesen. Sie wollte ihren neuen Mantel gleich allen anderen Passagieren zeigen, doch dann besann sie sich. Es sollte ihr Geheimnis bleiben. Dieser rote Mantel war für später, für Utah. Sie wollte ihn erst in ihrer neuen Heimat tragen. Sorgfältig verstaute sie ihn wieder in der Truhe.
Das Wissen um ihr schönes Geheimnis gab ihr Mut für den Rest der Reise. Wenn kein Mensch an Bord des Schiffes das Essen ansehen mochte, hatte Johanna dennoch Appetit. Sie hatte sich mit dem Schiffskoch angefreundet, und er machte ihr die schwedischen Omeletten, die ihr so gut schmeckten. Er stellte ihr die große Schüssel auf die Knie, während er die Zutaten verrührte.
Endlich, nach drei Monaten, erreichte das Schiff Amerika. Die Andersons brauchten noch einmal sechs Monate bis St. Louis in Missouri. Sie kauften einen Planwagen, Ochsengespanne und Proviant für den langen Treck über die Prärie.

Neils und seine Frau lenkten den Wagen, Johanna lief daneben her. Sie war jung und kräftig und liebte die Wildnis mit den Tieren. Jeden Tag entdeckte sie etwas Neues, was sie in Staunen und Aufregung versetzte. Manchmal sah sie in der Ferne friedliche Indianer. Und ständig dachte sie beim Gehen an ihr Geheimnis in der Truhe, an den weichen, roten Mantel, und wie sie ihn tragen wollte, wenn sie erst einmal in ihrer neuen Heimat Utah war.
Dem Pionierzug folgten jedoch unbemerkt feindliche Indianer. Johanna spürte, daß irgend etwas nicht in Ordnung war, und fürchtete sich ein wenig. Als es dann endlich Abend wurde, ließ der Führer der Abteilung die Wagen in einem engen Kreis aufstellen. Das Vieh wurde in die Mitte der Wagenburg getrieben. Es gab weder ein Lagerfeuer noch Musik und Tanz wie an den anderen Abenden. Den Heiligen wurde befohlen, sich schlafen zu legen und sich ruhig zu verhalten.
Erschöpft von dem langen Fußmarsch schlief Johanna fest ein. Im Morgengrauen wurde sie plötzlich von Stimmen und Pferdegetrappel aus dem Schlaf gerissen. Ihre Schwägerin bedeutete ihr, sie solle still liegenbleiben. Neils war nicht in seinem Bett.
Die Stimmen wurden lauter und kamen näher, und Johanna hörte eine fremde Sprache. Ihre Leute redeten mit den Indianern.
Sie hörte, wie sich Männer oben im Wagen, unter dem sie lag, zu schaffen machten. Ihre Truhe stand an einem Ende des Wagens. Sie hörte, wie die Truhe geöffnet wurde, und hörte, wie Neils mit den Indianern verhandelte.
Plötzlich verstummten die Stimmen. Die Männer sprangen vom Wagen, und sie hörte sie fortreiten.
Neils kam zurück und führte Johanna zur Vorderseite des Wagens. Er sagte zu seiner Schwester: „Johanna, bleib hier stehen. Sieh dich nicht um, und geh nicht hinter den Wagen. Du hast Glauben, und der Herr wird für uns alle sorgen.”
Die Versuchung war zu groß für Johanna - sie wandte sich um und sah die Indianer davonreiten, hintereinander in einer Reihe, auf ungesattelten Pferden. An der Spitze galoppierte mit lautem Geschrei Häuptling Walker. Von seinen Schultern wehte ihr schöner roter Mantel.
Neils schloß seine Schwester in die Arme. „Johanna, dein Mantel hat dir das Leben gerettet - und nicht nur dir, sondern uns allen. Das leuchtende Rot hatte es ihm angetan. Als er deinen Mantel sah, war er zufrieden und ließ uns in Ruhe.”
Die Andersons erreichten bald Salt Lake City. Johanna heiratete James Hansen, einen jungen Mann, der sich in Dänemark zur Kirche bekehrt hatte. Sie hatten zehn Kinder, und ihre Nachkommen erzählen ihren Kindern heute noch die Geschichte von dem roten Mantel.
Viva May Gammell Willcox, Juni 1989
Viva May Gammel! Wiillcox ist eine Urenkelin von Johanna Anderson.

22:25 - 22.4.2008


Last Page Next Page
Description
Hier werde ich aus alten Kirchenzeitschriften Berichte der Pioniere posten.
Home
User Profile
Archives
Links
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Mormonwiki
FairWiki
FAIR
Jesus
Das Buch Mormon überzeugt
mehr zum Buch Mormon
Bekehrungsgeschichten
besondere Erlebnisse
HLTs in aller Welt
Abenteuer der Mormonen
Geschichte der Mormonen
Propheten
Joseph Smith
Offenbarungen
Der Geist des Elija
Genealogie
Tempel und Tempelarbeit
Missionsarbeit
Die Gebote
Gedenke des Sabbats
Gesetz der Keuschheit
der Zehnte
Wort der Weisheit
Fasten
Kontroversen
Recent Entries
- Die Pionierfrau
- Das darbende Lager
- Auszug aus dem Tagebuch der Jane Grove
- Ein Eimer voll Milch
- Green Flake, der schwarze Pionier
- Die Wolke
- Der Duft des Flieders
- Rosa Clara -- Pionier aus Australien
- Sarah Matilda Farr
- Helden und Heldinnen
- Ein guter Handel
- Untitled
- Mary Ann Angell Young, die Unbezwingbare
- Im Winter mit Handkarren durch die Rocky Mountains
- Alma Elisabeth kommt nach Amerika
- Blühen wie eine Lilie
- Michaels Familie
- Meerrettich zu Weihnachten
- Cathrines Glaube
- Häuptling Washakie
- Ein Halfpenny und eine Perle
- Der rote Mantel
- Christians Bekehrung
- Die Glaubensprüfung eines Mitglieds der Kirche
- Die Handkarren-Pionierin
- Die Abenteuer der Margaret Judd Clawson
- Barfuß über 900 Meilen Prärie