| Berichte der Pioniere |
Cathrines Glaube Man schrieb das Jahr 1888. In Colonia Juarez in Mexico war Winter, und die Romneys waren dem Verhungern nahe. Miles, Catherines Mann, war seit Monaten fort; er versuchte, anderswo Arbeit zu finden. Trotz Catherines Umsicht und Sparsamkeit hatten sie fast nichts mehr zu essen. Mit viel Beten durchdachte sie die verschiedenen Möglichkeiten. Dann schickte sie ihren zwölfjährigen Sohn Thomas und ihren vierzehnjährigen Sohn George zum Jagen los. Keiner der Jungen hatte je mit einem Gewehr geschossen, und sie allein in die Berge und in die Wildnis zu schicken, bedeutete, sie einigen Gefahren auszusetzen; aber andernfalls drohte der Hungertod. Sie nahmen die Winchesterbüchse der Familie und gingen frohen Herzens den Spring Creek aufwärts.
Ungefähr eineinhalb Kilometer flußaufwärts sahen sie plötzlich einen großen Rehbock. Er war etwa siebzig Meter entfernt und kehrte ihnen die Längsseite zu. George zielte aufgeregt und feuerte. Neugierig wandte der Bock den Kopf und schaute sie an. Anscheinend war er über den Lärm verdutzt. Der zweite Schuß traf ihn direkt zwischen die Augen, obwohl George mitten auf den Körper gezielt hatte. Als ihre Aufregung nachließ, bemerkten sie, daß sie kein Messer bei sich hatten und daß keine Möglichkeit bestand, den Bock nach Hause zu schleppen. George lief nach Hause, um ein Messer zu holen, während Thomas Wache stand. Letzteres war keine geringe Aufgabe, denn er war barfüßig und mußte ständig rennen und gehen, damit ihm die Füße nicht erfroren. Es schneite, als George mit den zwei jüngeren Brüdern zurückkam. Der eine war zehn, der andere elf Jahre alt, und alle waren barfüßig. Ihre Kräfte reichten nicht, das Tier aufzuschneiden, und so fingen sie an,. es nach Hause zu ziehen — eine Entfernung von sechs Kilometern! Alle paar Meter mußten sie sich ausruhen, und selbst als sich ihnen Catherine etwas später anschloß, kamen sie nur langsam voran. So waren sie sehr dankbar. als sie aufblickten und einen Nachbarn, Helaman Pratt, sahen, der ihnen auf einem Maultier entgegenkam. Er hatte den Schuß gehört und kam, um zu helfen. Beim Abendessen ließen sie sich das schmackhafteste Wildbret munden, das sie je gekostet haften. Diese Begebenheit bedeutete der Familie sehr viel, und sie wurde den Kindern und Enkeln immer wieder erzählt, darunter auch der Enkeltochter Camilla Eyring, die später Spencer W. Kimball heiratete. Aber wenn sie von Catherine sprachen, erzählten sie gewöhnlich mehr als diese Begebenheit. Catherine wurde am 7. Januar 1855 geboren, 16 Monate nachdem ihre Eltern als Pioniere in Salt Lake angekommen waren. Sie war sieben, als ihre Familie berufen wurde, bei der Besiedlung von Saint George in Utah zu helfen. Catherine erinnerte sich später an ihr erstes Weihnachten im Süden von Utah. In ihrem Strumpf fand sie ein paar Stücke Zuckerkandis, ein paar Rosinen und eine Scheibe von einem Apfel, den ihre Mutter die ganze Strecke von Salt Lake City mitgebracht hatte. Ihr Vater schnitzte dreizehn Puppen, und ein künstlerisch begabter Nachbar malte sie so an, daß sie Gesicht und Haare hatten. Zu diesem Weihnachtsfest bekamen Catherine und zwölf andere kleine Mädchen eine Puppe. Als Catherine 19 war, wurde sie im Endowment House in Salt Lake City mit Miles Park Romney getraut, einem Kolonisten aus dem Süden von Utah. Man erinnert sich, daß sie hübsch und still war, mit roten Wangen und braunen Augen. Ihr pechschwarzes Haar reichte ihr bis unter die Taille, wenn es nicht zurechtgemacht war. Sie war auch dafür bekannt, daß sie sehr beherrscht war. Catherine und Miles hatten neun Kinder. Catherines Glaube war stark, und es gab zahlreiche Anlässe, diesen Glauben auszuüben. Als Miles einmal fort war, litt der dreijährige Junius, ihr drittes Kind, so schrecklich an einer Ohrentzündung, daß sie um sein Leben fürchtete. Verzweifelt betete sie um Hilfe, und sie fühlte sich dazu inspiriert, ihn vom Pfahlpatriarchen segnen zu lassen. Sie wickelte ihren Sohn ein und trug ihn zum Patriarchen. Dieser verhieß Catherine in dem Segen, wenn ihr Glaube stark genug sei, werde Junius keine weiteren Beschwerden mit dem Ohr haben, und er werde noch ein bedeutender Führer in der Kirche werden. Noch während der Patriarch sprach, hörte Junius auf zu schreien und fiel, seit Wochen zum erstenmal, in einen tiefen Schlaf. Später zog er selbst sechs Kinder groß und wurde, noch bevor er dreißig war, Präsident des Juarez-Pfahls in Mexiko. Ein anderes Mal fiel einer ihrer Söhne vom Wagen. Der eiserne Rand eines Rades streifte seinen Kopf und trennte ihm das Ohr ab. Catherine setzte das Ohr wieder an und zog einen Strumpf über den Kopf, so daß das Ohr haften blieb. Es heilte wieder richtig an, und als er erwachsen war, konnte niemand mehr sehen, welches Ohr verletzt worden war. 1881 wurde die Familie nach Arizona gerufen, das damals ein rauhes Grenzland war, vor allem wegen der gegen die Heiligen der Letzten Tage gerichteten Verfolgungen. Kurz nach ihrer Ankunft wurde Nathan Cram Tenney, ein Mitglied der Kirche, erschossen, als er versuchte, eine Schießerei zwischen zwei Banden zu beenden. Die Romneys wurden besonders heftig verfolgt, weil Miles in seiner Zeitung beredtsam und furchtlos gegen das Unrecht zu Felde zog. Eines Nachmittags wurde er von zwei Schurken verprügelt, bis er das Bewußtsein verlor. Seine kleinen Kinder mußten mehrere Kilometer laufen, um Hilfe zu holen. Einmal bot eine Bande aus Saint Johns in Arizona mehrere tausend Dollar Belohnung für seine Gefangennahme, ob tot oder lebendig. Ein anderes Mal wurde das Haus vorn Pöbel beschossen, während Catherine ihre Kinder zwischen einer Couch und der Wand verbarg. Schließlich begab sich Miles nach Salt Lake City, um Brigham Young die Situation zu berichten. Daraufhin wurden noch einige Familien nach Saint Johns gesandt, so daß das Zahlenverhältnis zwischen den Mormonen und ihren Verfolgern ein wenig verändert wurde. Die Familie wurde indes weiter verfolgt, und schließlich bekam Miles von Elder John Taylor vom Kollegium der Zwölf die Empfehlung, nach Mexiko zu gehen. Während er dort für Catherine und die Kinder ein Zuhause vorbereitete, gingen diese nach Saint George in Utah zurück. Dort, bei Catherines Familie, verbrachten sie die nächsten zwei Jahre. In der Zeit kamen sie auch mit Präsident Wilford Woodruff zusammen, als dieser im Hause ihrer Eltern Zuflucht vor seinen Verfolgern suchte. Diese Reise nach Mexiko konnte mit dem Zug unternommen werden. Unterwegs erkrankten jedoch mehrere Kinder an Scharlach, und eines von ihnen, Claude, starb bald nach der Ankunft in Colonia Juarez in Mexiko an einer Lungenentzündung. Ihre erste Unterkunft in Mexiko war eine in das Flußufer gegrabene Höhlung, und Catherine stillte ihr Bedürfnis nach Schönem, indem sie am Fluß entlang spazierenging, wilde Blumen pflückte und Körbe flocht. Später erinnerten sich die Kinder an die Abende, an denen sie mit ihren Eltern sangen. Catherine hatte eine wohlklingende Sopranstimme. Auch erinnerten sie sich an Picknicks und Spiele, Partys und Tanzen sowie an die Bonbons, die sie selbst herstellten. Zum Leben der Familie gehörte auch, daß man einander Geschichten erzählte und mit den Nachbarn plauderte. 1902 erlitt Miles einen Herzstillstand. Sein Leben blieb zwar erhalten, doch starb er zwei Jahre später an einem zweiten Anfall. Die eine Tochter, Lula, erinnert sich, daß sie zum darauffolgenden Weihnachtsfest keinen Baum hatten, obwohl sie in den Strümpfen Geschenke hatten: „Ich fürchte, ich habe gezeigt, daß ich enttäuscht war und mich selbst bemitleidete, denn Mutter sagte mir, sobald ich mit dem Frühstück fertig sei, solle ich fortgehen, um etwas für sie zu erledigen. Ich tat es sehr widerwillig, denn der Weg war weit, und ich mußte auf die andere Seite der Bahnlinie zu einem älteren Ehepaar, das mir fremd war. Ich sollte den roten Wagen ziehen, in dem sonst mein kleiner Bruder, der verkrüppelt war, zur Sonntagsschule gefahren wurde. Ich sah zu, wie meine Mutter eine Decke, ein Kissen und einen Teil unseres Weihnachtsessens in den Wagen legte – Truthahn mit allen Beilagen, Krapfen, Butter usw. ‚Klopfe einfach an und sage: Fröhliche Weihnacht!'. sagte sie. ,Dann kannst du schnell nach Hause kommen und spielen.' Es war nicht schwer, die Stelle zu finden – eine kleine Lehmhütte, die einsam in der Prärie stand. Eine kleine alte Frau öffnete auf mein Klopfen ,Fröhliche Weihnacht!' sagte ich. ,Du bist ja ein richtiger kleiner Weihnachtsengel'. sagte sie und gab mir einen Kuß. Da keine Treppe vorhanden war, zog sie den Wagen herein, um auszupacken. Ein alter Mann mit einem langen, weißen Bart saß da und starrte auf das kleine Feuer im Kamin. ,Guck mal, John', sagte sie, ‚was uns der barmherzige Herr geschickt hat!' Diese Worte kamen mir seltsam vor, denn ich wußte, daß meine Mutter die Sachen geschickt hatte und nicht der Herr. Der alte Mann antwortete nicht; er schaute nicht einmal auf, und da merkte ich, daß er taub war. Die Reste des kümmerlichen Frühstücks standen noch auf dem Tisch. Indem die Frau darauf zeigte, sagte sie: ,Sieh mal, das ist alles, was wir zum Mittagessen gehabt hätten, wenn du nicht gekommen wärst.' Als ich, nach einem weiteren Kuß, die Hütte verließ, durchströmte mich ein frohes, friedliches Gefühl. Wie froh war ich, daß meine Mutter mich losgeschickt hatte, damit jemand zu Weihnachten nicht Hunger leiden müsse! Ich hüpfte fast den ganzen Weg nach Hause, und ich bin sicher, daß das Weihnachtsessen an dem Tag niemandem mehr geschmeckt hat als mir." Während der mexikanischen Revolution mußte Catherine innerhalb von fünfzehn Minuten das Haus verlassen. Sie versteckte das Silber und das Geschirr, ließ einen Kuchen im Ofen. den sie gerade buk; und die Hühnchen ließ sie weiter auf dem Herd braten. Sie nahm nur einen Ballen Bettzeug und einen Koffer mit dringend notwendigen Gegenständen. Dann schloß sie leise die Tür des vierten Hauses, aus dem sie wegen ihrer Religion vertrieben wurde. Als sie fortfuhren, standen zwei Töchter hinten im Wagen auf und begannen zu singen: „Wenn du in des Lebens Stürmen bist verzagt." Lula sah, wie ihrer Mutter Tränen über die Wangen liefen, wie sie einen letzten Blick auf das Grab ihres Mannes warf und dann den Kindern zulächelte. Catherine arbeitete im Tempel in Saint George (Utah), bis sie schwer krank wurde. Sie rief ihre Kinder, soweit sie erreichbar waren, zu sich., und bat sie, um ihr Bett niederzuknien und darum zu beten, daß sie entweder geheilt werde oder zu ihrem Mann und ihrem Sohn auf die andere Seite des Schleiers kommen könne. Bald darauf, am 6. Januar 1918. verschied sie still. Clifford J. und Marsha Romney Stratton, Juni1982 22:30 - 22.4.2008
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