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Berichte der Pioniere

Meerrettich zu Weihnachten

1846 in Nauvoo machte Papa den besten Meerrettich der ganzen Gegend. Darüber waren sich sogar unsere Nachbarn einig, die nicht leicht in irgendeiner Sache eins wurden. Wenn ich Meerrettich rieche, denke ich immer an Papa und meine Heimat in Illinois.
Als die Schüsse fielen und unsere Scheune abbrannte, sammelte Papa uns alle um sich. Mit ruhigen und ermutigenden Worten sagte er, wir sollten immer daran denken, daß der himmlische Vater uns beschützen und führen würde. Der Flammenschein hinter uns erleuchtete uns den Weg durch die Nacht, als wir flüchteten.
Unsere Familie schloß sich an diesem Abend mit vielen anderen Heiligen zusammen, und wir machten uns mit unseren Habseligkeiten auf dem Rücken auf den Weg. Als wir nach ein paar hundert Kilometern Council Bluffs in Idaho erreichten, waren wir zwar erschöpft, aber immer noch guten Mutes. Allerdings waren viele wegen spärlichen Rationen halb krank.
Da wurde Papa ins Mormonenbataillon berufen. Nach einer gebeterfüllten Nacht und Tanz und Unterhaltung am nächsten Tag marschierten die Männer fort.
Die darauffolgenden Wochen und Monate waren schwer. Mutter, die kleine Amy, Ruth und ich schafften es mit der Hilfe ein paar guter Freunde irgendwie, über den meilenbreiten Missouri nach Winter-Quarters zu kommen. Wir zogen in eine Hütte mit einem Fußboden aus Lehm und einem Dach aus Grasziegeln. Einem Vergleich mit unserem schönen weißen Farmhaus zu Hause konnte diese Hütte freilich nicht standhalten.
Das schlechte Essen, die vielen Stunden schwerer Arbeit und besonders Papas Abwesenheit raubten einem leicht den Mut. Wenn aber Mamas müde Augen in die meinen blickten und sie dabei lächelte, fühlten wir uns beide aufgemuntert und sagten: „Im Frühling nach Westen!” Dann fing sie immer an, Papas liebste Schriftstellen zu zitieren, und bald sangen wir alle miteinander Kirchenlieder.
Eines Tages war ich auf der Jagd und verfolgte eine Fährte um die Ecke eines alten, verlassenen Forts, als mein Blick auf ein Büschel Blätter fiel. Ich blieb stehen, bückte mich – und zog einen riesigen Meerrettich aus der Erde. Ich zerquetschte die Wurzel, und der scharfe Geruch drang mir in die Nase, so daß mir die Tränen kamen. Ich dachte an Papa, der so weit weg war, und mußte mit den Tränen kämpfen. „Verflixter Rettich”, murmelte ich.
Dann kniete ich mich nieder und betete: „Bitte beschütze Papa und laß uns bald wieder zusammen sein. Bitte segne Mama. Sie wird jeden Tag schwächer. Und bitte hilf mir, damit ich unsere Familie sicher nach Westen führen kann.”
Ich sammelte soviel Rettich, wie ich tragen konnte, und machte mich mit der ersten Ladung auf den Heimweg.
Mama war bei einer Nachbarin, die Fleckfieber hatte, und half ihr. Inzwischen rieb ich den Meerrettich, wie Papa es mir gezeigt hatte.
Als Mama hereinkam und den starken, vertrauten Geruch wahrnahm, leuchtete ihr Blick plötzlich auf. Sie blickte erwartungsvoll um sich und dachte einen Moment lang, Papa sei durch irgendein Wunder nach Hause gekommen. Dann aber breitete sich Enttäuschung auf ihrem Gesicht aus, und sie ließ sich auf die einfache Bettstatt fallen und weinte sich aus.
An jenem Abend aßen wir keinen Rettich – er weckte zu sehr die Sehnsucht nach Papa. Beim Essen sagte keiner viel, und die Mädchen verstanden nicht, was los war, wenn Mama hin und wieder eine Träne beiseite wischte.
Als ich am Morgen aufstand, hatte Mama den Rettich bereits in Einmachgläser gefüllt. Wir wollten ihn aufheben, bis wir wieder mit Papa beisammen waren.
Der Herbst ging in den Winter über, und ein eisiger Wind wehte den Fluß herab. Den Schnee trieb es schneller durch die Ritzen zwischen den Wandblöcken, als wir sie zustopfen konnten. Krankheit und Fieber suchten Winter-Quarters heim. Als der Frühling kam, waren auf den Hügeln 600 frische Gräber. Meistens waren es Kinder, die starben. Wir lebten von Wild und getrockneten Beeren. Auch Weizen, Milch und Eier teilten wir, wenn wir sie von anderen Heiligen bekamen. Da wir so spät im Jahr nach Winter-Quarters gekommen waren, hatte es keine Gemüseernte gegeben. Damals wußte es niemand, doch der Mangel an Gemüse und die schweren Bedingungen waren schuld daran, daß so viele Malaria und Fleckfieber bekamen.
Der Schnee häufte sich zu Bergen, die der Wind dann wieder weiterwehte. Die Temperaturen fielen weit unter Null. Während des Tages versuchten wir, einander zu trösten und aufzumuntern. Viele hatten durch Krankheit Kinder und andere Angehörige verloren. Wir beteten alle viel, und der Geist war so stark, daß wir sangen, „...alles wohl... und wußten, es würde alles gutgehen.
Nachts war es schwieriger. Mama, die Mädchen und ich knieten uns zum Beten nieder und krochen dann in die Betten. Nacht für Nacht lag ich wach auf der Matratze, die nach dem süßen Prärieheu duftete und horchte auf Mamas schweren Atem. Ich betete, daß wir es im Frühjahr irgendwie in den Westen schaffen würden.
Seit dem Herbst redeten schon alle von Weihnachten, als sei Weihnachten ein Symbol für das Ende unseres schweren Schicksals. „Wenn wir's bis Weihnachten schaffen”, hörte man sagen, „ist alles gewonnen.” Doch ein, zwei Tage vor Weihnachten wurde Mama schwer krank und war so schwach, daß sie kaum aufstehen konnte. Mama hatte versprochen, daß wir zu einem „richtigen” Weihnachtsessen beitragen würden, was wir konnten. Jetzt machte sie sich Sorgen, daß sie beim Kochen nicht würde mithelfen können.
Trotz meiner Gebete verlor ich immer mehr den Mut. Wir hatten seit Monaten nichts von Papa gehört. Viele unserer Freunde waren krank, und die Zahl der Gräber auf den Hügeln wuchs täglich. Ich erstarrte bei dem Gedanken, Mama könnte sterben und Papa wüßte nicht einmal davon.
Am Weihnachtsabend ging ich hinaus über die öde, gefrorene Erde und kniete mich nieder. Über mir klagte der Wind, und ich hörte die schwarzen Zweige der Bäume im Wind aufeinanderstoßen. Kalte Tränen rannen mir übers Gesicht.
„Wie oft muß ich noch beten?” fragte ich voll Schmerz. Plötzlich schämte ich mich. Mir fielen die Worte meines Vaters ein, als vor so langer Zeit unsere Welt in Flammen aufgegangen war. Da begann ich Demut zu empfinden und betete um mehr Glauben.
Der Christtag war hell und klar. Nach der Abendmahlsversammlung wurde das Weihnachtsmahl auf langen Tischen gedeckt. Alles wirkte sehr festlich, und es schmeckte herrlich. Mama und ich waren beide beschämt, weil wir als einzige nichts zum Festmahl beigetragen hatten. Plötzlich fielen mir die Einmachgläser mit dem Rettich ein, und ich flüsterte Mama etwas zu. Dann schlüpfte ich aus der Hintertür und lief nach Hause, um die Gläser zu holen.
Als ich zurückkam, herrschte große Aufregung. Während meiner Abwesenheit war ein Mann namens Hyrum Randolph gekommen und hatte ein Paket Briefe von den Männern im Bataillon mitgebracht. Mama bekam drei Briefe, und aus allen sprachen Liebe, Hoffnung und Segensworte.
Welch ein freudiges Festessen wir doch hatten! Vielleicht habt ihr noch nie Meerrettich zur Weihnachtspute gegessen, doch es schmeckt köstlich. Mama und ich fühlten uns Papa sehr nahe, als wir dieses Mahl genossen. „Sag mal, Kleiner”, sagte Bruder Randolph zu mir. „Was ist denn das in den Gläsern?” „Meerrettich. Selbst gemacht. So gut wie Papas Meerrettich schmeckt er natürlich nicht.”
„Sieh mal einer an”, sagte er. „Das ist ja schön, daß ihr Meerrettich eßt. Manche Leute schwören darauf, es sei das beste Mittel gegen das Fleckfieber.”
„Dann gleich eine Portion für mich”, rief jemand. Ich sagte ein stilles Dankgebet und lächelte Mama an.
„Briefe von Papa und Meerrettich zu Weihnachten”, lachte sie. „Ja”, kicherte ich dazu. Und beide riefen wir: „Im Frühjahr nach Westen!”
Ted Sheil, der Freund, Dezember 1981

22:33 - 22.4.2008


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Hier werde ich aus alten Kirchenzeitschriften Berichte der Pioniere posten.
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