| Berichte der Pioniere |
Ein Halfpenny und eine Perle Im Frühjahr 1840 unterwiesen Missionare der Kirche den 24jährigen John Borrowman im Landkreis Lanark in Ontario im Evangelium. Als er das Evangelium hörte, wußte er sofort, daß es wahr ist. Doch sein Zeugnis war gleich mit einem Opfer verbunden — dem ersten der vielen wichtigen Opfer, die er für das Evangelium bringen mußte.
John Borrowman beriet sich mit seinem Vater darüber, ob er sich der Kirche anschließen sollte. William Borrowman war fest entschlossen, seinen Sohn von dem Entschluß abzubringen, sich taufen zu lassen. Nachdem die beiden mehr als zwei Tage diskutiert hatten, drohte William Borrowman seinem Sohn, er werde sein Erbteil den Hof der Familie — verlieren, wenn er sich den Heiligen der Letzten Tage anschließe. Als ältester lebender Sohn war John der rechtmäßige Erbe des Hofes, wo er sein ganzes Leben lang Seite an Seite mit seiner Familie gearbeitet hatte Noch schlimmer aber war, daß John auch auf den Kontakt zu seinem Vater verzichten mußte, und das war für ihn eine schreckliche Vorstellung, denn er liebte seine Familie sehr. Doch trotz dieser schwierigen Entscheidung blieb Johns Begeisterung für seinen neuen Glauben ungebrochen. Für ihn war das Licht des Evangeliums wie die Sonne über der Welt aufgegangen und zeigte deutlich, daß nun alle Menschen errettet werden konnten. Deshalb ließ er sich am 7. Juni 1840 taufen — trotz des Kummers, den er wegen des Widerstandes seines Vaters und des Verlustes seines wertvollen Erbes empfand. Wie der Kaufmann in Matth:äus 13:45,46, der alles verkaufte, was er besaß, um dafür eine besonders wertvolle Perle zu erwerben, mußte John Borrowman auf alles verzichten, was er besaß, um Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zu werden. Er zog zu einer seiner älteren Schwestern und ihrer Familie, wo er bis 1843 blieb. Dann wanderte er nach Nauvoo in Illinois aus, wo er sich den dortigen Mitgliedern anschloß. Missionsarbeit und Auswanderung In Nauvoo arbeitete John Borrownan als Zimmermann am Tempel. Dann wurde er nach Kanada auf Mission berufen, wo er und James Park, sein Mitarbeiter, in der kleinen Grenzstadt Brooke im Landkreis Keilt in Ontario das Evangelium verkündigten, das begeistert aufgenommen wurde. Schon bald hatten sich 250 Menschen taufen lassen. Die Missionare forderten die neuen Mitglieder auf, nach Nauvoo zu ziehen. Daher richteten sie im Frühjahr 1845 Wagen und Gespann für die Auswanderung her. Der Weg, der aus ihrer kleinen Stadt hinausführte, war kaum breiter als ein Trampelpfad, deshalb mußten sie Bäume füllen und so Platz für eine Straße schaffen. Die Begeisterung der neuen Mitglieder für den Zug nach Nauvoo war so groß, daß die Straße den Namen „Nauvoo Road” bekam, den sie übrigens heute noch trägt. Als der Zug in Nauvoo ankam, waren die Mitglieder gerade eifrig damit beschäftigt, den Tempel fertigzustellen. Aber es zeigte sich ziemlich bald, daß der Pöbel die Mormonen niemals in Frieden dort wohnen lassen würde. Als der Tempel fast fertig war, empfingen viele Mitglieder die Begabung, und im Februar 1846 zogen sie über den zugefrorenen Mississippi in das sichere Iowa. Beim Mormonenbataillon 1846 bat die Regierung der Vereinigten Staaten Präsident Brigham Young in Council Bluffs, fünfhundert gesunde Männer zur Bildung eines Bataillons zur Verfügung zu stellen, das nach Kalifornien ziehen sollte, um dort während des Mexiko-Krieges für Schutz zu sorgen. John Borrowman nahm die Berufung an und trug sich als Soldat für die Kompanie B ein. Bei der Abschiedsversammlung prophezeite Präsident Young den Männern im Mormonenbataillon, sie würden sich dem Feind niemals in der Schlacht stellen müssen. Diese Prophezeiung bewahrheitete sich auch, obwohl alle Anzeichen dagegen gesprochen hatten. Trotzdem hatten die Männer viele Schwierigkeiten zu bewältigen. Am schlimmsten waren wohl die öden Berge, wo es wenig Wasser und Nahrung gab. Doch trotz der schwierigen äußeren lJmstände folgten die Männer ihren Führern tapfer und treu nach. Wie Brigham Young prophezeit hatte, mußten sie sich keinem einzigen Gegner in der Schlacht stellen. Allerdings gerieten sie an eine Herde wütender Büffel; diese Begegnung nannten sie die „Bullenschlacht”. Die Männer waren oft hungrig und durstig, weil sie nicht genug Vorräte hatten. Sie schlugen sich einen schmalen Weg frei (manchmal nur wenige Zentinreter breiter als die Wagen), während sie die gefährlichen Schluchten der unwirtlichen Berge im Südosten durchquerten. Wie sehr freuten sie sich, als sie endlich die sanften Hänge erreichten, von wo aus sie bald der ersten Blick auf den Pazifik werfen konnten. Dann widerfuhr John Borrowman ein Mißgeschick — er sollte Wache halten und schlief dabei vor Erschöpfung ein. Er nickte zwar nur für wenige Sekunden ein, wurde aber von einem aufmerksamen Feldwebel angezeigt. Zu Kriegszeiten war das ein Vergehen, das mit dem Tode bestraft werden konnte. Die Mormonensoldaten unterstanden ihren Militärvorgesetzten und dem Militärgesetz, und John Borrowman wurde auf der Stelle ins Gefängnis geworfen. Während der nächsten Wochen las er im Buch Mormon eines Freundes und fand darin großen Trost. Nach seiner Freilassung stellte sich heraus, daß es sich bei der Freilassung um einen Irrtum gehandelt hatte. John ging nur zögernd wieder ins Gefängnis zurück. Er schrieb in sein Tagebuch, daß er einsam sei und es ihm nicht gut gehe, denn „ich habe kein Bettzeug ... außer meiner Decke und muß auf dem kalten, feuchten Lehmboden schlafen”. (Tagebuch von John Borrowman, 1846-1860, Geschichtsabteilung der Kirche.) Als sein Fall vor Gericht verhandelt wurde, wurde er zu drei weiteren Tagen Arrest verurteilt, von denen er jeweils drei Stunden in einer Gefängniszelle verbringen mußte. Außerdem sollte er für diese drei Tage keinen Lohn bekommen. John war zwar froh, daß er am Leben blieb, empfand die Strafe jedoch als zu hart und bat den Herrn, ihn davon zu befreien. Sein Beten wurde auf ungewöhnliche Weise erhört. Als der zuständige Oberst nämlich von diesem Urteil erfuhr, fand er es viel zu milde. Aber es lag nicht in seiner Macht, Widerspruch dagegen einzulegen. Deshalb ignorierte er es einfach, indem er sagte, keine Strafe sei besser als eine so leichte Strafe. John verstand dies als Antwort auf sein ernsthaftes Beten. Auf Gold verzichten Nach seiner ehrenvollen Entlassung aus dem Mormonenbataillon verkaufte John sein Pferd und buchte eine Überfahrt nach San Francisco in Kalifornien. Dort fand er ein kleines Gemeinwesen mit Mitgliedern, die ihm eine Arbeit für zwei Dollar am Tag besorgten. Nach mehreren Monaten machte er sich in Richtung Osten auf, um sich den Mitgliedern im Salzseeaal anzuschließen. In der Nähe von Sacramento hörte er, daß weitere ehemalige Mitglieder des Mormonenbataillons an einem Ort namens Sutter's Mill arbeiteten und daß man dort Gold gefunden hatte. So wurde John Goldsucher. Er schrieb in sein Tagebuch, daß er jeden Tag Gold im Wert von 25 his 60 Dollar wusch. Verglichen mit seinem vorherigen Arbeitslohn war das ein richtiges Vermögen. Doch als Brigham Young die Mitglieder des Mormonenbataillons aufrief, umgehend nach Salt Lake City zu kommen, gaben John und seine Freunde die lukrative Goldsuche sofort auf und machten sich auf den anstrengenden Weg durch die Berge der Sierra Nevada hinunter ins Salzseeaal. Dort bekam John Borrowman ein Stück Land außerhalb der Stadt zugeteilt, wo er voller Energie begann, einen schönen Hof aufzubauen, der sogar ein Bewässerungssystem hatte. Kurz und knapp schrieb John am 22. Januar 1849 über seine Eheschließung in sein Tagebuch: „Ich habe seit dem 2. dieses Monats keine Zeit mehr zum Schreiben gehabt, .. . weil ich so sehr damit beschäftigt war, alles mögliche für den Haushalt zu besorgen. Am Abend des 9. habe ich geheiratet und bin in ein kleines Lehmziegelhaus gezogen, das Bruder Turbit gehört. Dort wohne ich jetzt mit meiner Frau." (Tagebuch von John Borrowman.) Ein weiteres Opfer für eine neue Siedlung John Borrowman und seine Frau, Agnes Park, bekamen fünf Kinder. 1853 verließen sie ihren gutgehenden Hof in Sah Lake City, weil sie auf eine Mission nach Nephi berufen worden waren (etwa 131 Kilometer südlich von Sah Lake City), wo sie Land besiedeln sollten. Laut einem Artikel, der in der dortigen Zeitung veröffentlicht wurde, entwickelte sich John zum geachteten Bürger des kleinen Gemeinwesens. Er fungierte zum Beispiel als Staatsanwalt und später als Kommunalrichter. 1869 wurde er auf eine zweite Mission nach Kanada berufen und ließ seine Familie zwei Jahre lang allein. Es läßt sich belegen, daß John Borrowman während seines Lebens an mehr als 1100 Bekehrtentaufen beteiligt gewesen ist. Johns Erbe William Borrowman verzieh seinem Sohn nie, daß er sich der Kirche angeschlossen hatte. Er sorgte dafür, dass John in der Familie niemals als Bruder oder Onkel bezeichnet wurde. Johns Stiefmutter, Helen, jedoch blieb die ganzen Jahre über mit ihm in brieflicher Verbindung. 1857 schrieb sie ihm, daß sein Vater gestorben war und angewiesen hatte, John als ganzes Erbe einen Halfpenny zu geben (was dem Wert von etwa fünf Cents entsprach). Im Laufe seines Lebens gab John seinen Anspruch auf einen blühenden Hof in Kanada auf, den sicheren Gewinn in den Goldfeldern Kaliforniens und den Hof in Salt Lake City, den er selbst aufgebaut hatte und das alles ohne sichtbares Bedauern. Wann immer und wohin immer der Herr ihn berief — wie so viele andere Mitglieder folgte auch John Borrowman diesem Ruf ohne Zögern. Bei der Beschäftigung mit dem Leben meines Ur-Urgroßvaters habe ich mich gefragt, was er wohl empfunden haben mag, als er sein Erbe erhielt. Ich glaube, die folgende Schriftstelle macht am besten deutlich, wie sehr er bereit war, sich dem Volk des Herrn anzuschließen: „Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.” (Matthaus 13:45,46.) Jerry Borrowman, Mai 1997 22:28 - 22.4.2008
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