| Berichte der Pioniere |
Helden und HeldinnenEllen Pucell Unthank
Die zehnjährige Ellen Pucell weigerte sich, noch einen einzigen Schritt weiterzugehen. Über endlose Tage und endlose Kilometer hinweg hatte sie sich über die schneebedeckte, kalte Erde geschleppt. Die unbarmherzige Kälte drang durch ihre zerlumpte Kleidung hindurch, und die Schmerzen in ihren Füßen waren unerträglich geworden. Jetzt setzte Ellen, die von allen Nellie gerufen wurde, sich zitternd hin und konnte nicht mehr weiter. Ihre ältere Schwester Maggie redete ihr zu, doch wieder aufzustehen. Doch während ihre Freunde sich erschöpft weiterschleppten und ihre Handkarren mühsam durch den Schnee zogen, bliebNellie weiter sitzen, unfähig, die steifen Beine zu bewegen. Maggie flehte ihre jüngere Schwester an, doch mit ihr weiterzugehen, damit sie nicht hinter den anderen zurückblieben. Als ihre Hoffnung, die anderen noch einzuholen, schon fast geschwunden war, kam ein Pferdewagen auf sie zu. Der Fahrer, einer der Anführer, der das Glück hatte, einen Wagen zu besitzen, hielt an, um die Mädchen zu fragen, was los war. Maggie erklärte die Lage, und Nellie wurde hinten auf den Wagen gehoben, wo ihre Füße über den Rand hingen. Dann eilten sie den anderen nach. Nellie war im Mai 1856 mit ihrer Familie mit einer großen Gruppe Heiliger der Letzten Tage aus Liverpool abgereist. Nach der sicher verlaufenen Seereise mit dem Schiff Horizon waren sie in Boston angekommen und von dort mit dem Zug nach Iowa weitergereist. Von dort aus war Nellie mit ihren Eltern und ihrer Schwester Maggie und fünfhundert weiteren Pionieren zum Salzseetal aufgebrochen, wo sie sich Frieden und eine neue Heimat erhofften. Da die meisten zu arm waren, um sich einen Pferdewagen zu leisten, hatten sie sich kleine, zweirädrige Karren gebaut, die sie selbst zogen, Sie konnten nur das Allernotwendigste mitnehmen, Extra Bettzeug, Kleidung, Haushaltsgüter und sogar extra Lebensmittel mußten zurückbleiben. In den ersten Wochen hatte die Handkarrenabteilung noch gutes Wetter gehabt, aber im Oktober hatten frühe Schneestürme und die bittere Kälte ihnen das Fortkommen erschwert.Nellies Familie litt genauso wie die anderen. Ihre Mutter wurde krank und mußte einige Zeit im Handkarren gezogen werden. Nellies Vater fiel in einen der Flüsse, die sie überqueren mußten, und weil er keine trockene Kleidung hatte und sich auch nirgends aufwärmen konnte, zog er sich eine schwere Erkältung zu. Die Familie hatte immer weniger zu essen, und der Schnee deckte alles zu, womit sie ein Feuer hätten anzünden können. Nellies Vater starb am 22. Oktober 1856 vor Hunger und Kälte. Fünf Tage später starb auch ihre Mutter. Sie mußten im Schnee begraben werden, da der Boden fest gefroren war. Nellie und Maggie gingen erschöpft und traurig allein weiter. Sie sahen zu, wie immer mehr von ihrer Abteilung starben und das Wetter immer unbarmherziger wurde. Eines Tages, als Nellie und ihre Schwester gerade den Anfang ihrer Abteilung bildeten, tauchten zwei Männer auf und winkten ihnen näherzukommen. Erst weigerten die Mädchen sich, hatten dann aber den Eindruck, daß die Männer ihnen nichts Übles wollten. Sie gaben Nellie etwas Geld und sagten ihr, sie solle sich am Trapper-Handelsposten, zu dem sie bald kommen mußten, etwas zum Anziehen für ihre Füße kaufen. Nellie nahm das Geld dankbar an und freute sich, daß sie ihre bloßen Füße, die vor Kälte schon lange völlig empfindungslos waren, wieder bedecken konnte. In Salt Lake City hatte Präsident Brigham Young um Freiwillige gebeten, die der Handkarrenabteilung entgegenfuhren. Als die Freiwilligen endlich bei Laramie in Wyoming auf die Abteilung stießen, fanden sie die Bmitleidenswerten fast unter dem Schnee begraben. Neue hatte schwere Erfrierungen an den Füßen, Die Rettungsgruppe nahm sie und die übrigen von ihrer Gruppe im Wagen mit; sie kamen am 30. November in Salt Lake City an. Fast jeder in der Handkarrenabteilung hatte schwere Erfrierungen an Füßen, Händen und Ohren, und fast allen waren Angehörige oder Freunde gestorben. Der Arzt mußte Nellies Füße amputieren. Es war keine Haut da, mit der der Knochen hätte bedeckt werden können, und so blieben ihr schmerzhafte Wunden, die nie ganz verheilten.Nellie und ihre Schwester zogen später nach Cedar City südlich vom Salzseetal. Hier heiratete Nellie William Unthank, und hier zog sie auch ihre sechs Kinder auf. Nellie kroch auf einer Lederschürze, die sie sich unter die Beine legte, durch ihr kleines Haus, um es sauberzuhalten. Nellie nahm bereitwillig alle möglichen Arbeiten an, um zum Familienunterhalt beizutragen. Unter anderem wusch sie bei sich zu Hause für andere Leute die Wäsche und fertigte Gegenstände an, die sie verkaufte. Wenn ihr jemand Lebensmittel oder Hilfe anbot, bestand sie immer darauf, eine Gegenleistung zu erbringen. Zum Zeichen ihrer Dankbarkeit ging sie einmal im Jahr mit allen ihren Kindern das Gemeindehaus putzen. Während die Jungen das Wasser herantrugen, putzten die Mädchen die Fenster, und Nellie schrubbte die Fußböden. William schnitzte seiner Nellie hölzerne „Füße”, aber sie schmerzten nur an ihren Stümpfen, die nicht heilten. Später bekam Nellie Holzbeine geschenkt, aber sie trug sie nur zu besonderen Anlässen, da sie die Schmerzen, die sie sowieso ständig hatte, nur verschlimmerten. Trotz Armut und Schmerzen beklagte Nellie sich nur selten. Sie hatte in allem Leid den himmlischen Vater kennengelernt. Nellie wußte, daß sie sich auf den Herrn verlassen konnte, hatte sie doch für ihre bloßen Füße Schuhe geschenkt bekommen; als sie nicht mehr weiterkonnte, war ein Wagen gekommen, und ihr Leben lang hatte ihr in aller Bedrängnis immer wieder jemand geholfen. Sharon Bigelow, der Kinderstern Oktober 1986 22:30 - 23.4.2008
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