| Berichte der Pioniere |
Sarah Matilda Farr Begebenheit aus dem Leben meiner Vorfahren, die zu den Pionieren gehörten von
Joy Johnsen Heaton, Kinderstern Juni 1994 Ich mußte immer wieder zurückschauen. Meine Füße gingen in die eine Richtung und meine Gedanken in die andere. Durch die Tränen hindurch sah ich Mama noch immer auf der Veranda stehen. Mit jedem Schritt, den ich ging, wurde sie kleiner. Immer wieder hatte ich sie gefragt: „Muß ich wirklich gehen, Mama? Ich bin doch erst elf Jahre alt. Bist du sicher, daß ich es allein schaffe?” Und jedes Mal hatte sie mir Mut gemacht. Ja, ich sollte gehen. Und ja, der himmlische Vater wollte, daß ich auf diese Weise nach Zion kam. Ich wußte, ich brauchte nicht zu zweifeln, wenn Mama für mich betete. Papa war gestorben, als ich acht Jahre alt war. Es war nicht leicht ohne ihn. Meine großen Geschwister halfen zwar viel mit, aber es waren trotzdem acht Kinder, für die Mama sorgen mußte. Sie arbeitete stundenlang mit uns im Maisfeld. Manchmal ging sie, wenn wir beim Abendessen saßen, nach draußen, um Mais zu enthülsen. In dieser Zeit fastete und betete sie, aber das wußten wir damals nicht. Sie wollte nicht, daß meine älteren Brüder erfuhren, daß sie fastete, weil sie sich über ihren Glauben lustig machten. Eines Tages, als Mama draußen saß und Mais enthülste und dabei nachdachte, hatte sie das Gefühl, sie solle einen älteren Witwer besuchen, der in derselben Straße wohnte wie wir. Dort lernte sie zwei Missionare kennen, die ihr vom Evangelium erzählten. Was sie ihr von der Auferstehung erzählten, tröstete sie ein wenig über den Tod meines Vaters hinweg. Begeistert kam sie nach Hause. Als meine Brüder davon hörten, regten sie sich auf und lachten sie aus. Und als Papas Verwandte es erfuhren, wurden sie bitterböse. Ich konnte gar nicht verstehen, warum sie sich so aufregten. Weil in unserer Familie deswegen so sehr gestritten wurde, beschloß Mama, eine Weile nicht mehr über diese neue Religion zu sprechen. Schließlich wollte sie keinen Streit. Aber Mama hatte sich doch verändert. Sie konnte die herrliche Wahrheit, von der sie gehört hatte, nicht leugnen. Sie bemühte sich sehr, auch meine Brüder davon zu überzeugen, aber sie wollten nicht zuhören. Ich hörte ihr zu. Und ich hatte ein warmes Gefühl in mir, als ich mich am selben Tag taufen ließ wie Mama. Mama wollte mit den Heiligen nach Westen ziehen. Sie hatte kein Geld für ein so großes Unterfangen, aber sie hatte großen Glauben und wußte, daß ihre Gebete erhört werden würden. Dann fand sie eine Möglichkeit, wie ich nach Zion gelangen konnte. Eine ältere blinde Frau brauchte eine Begleiterin, die mit ihr die vielen, vielen gefährlichen Meilen bis in die Berge Utahs ging. Und so kam es, daß ich meine Mutter und meine Geschwister verließ und ohne sie den weiten Weg antrat. Als ich aufbrach, liefen mir die Tränen über das Gesicht. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ergriff die Hand der alten Frau und ging los. ![]() Meine Augen wurden ihre Augen. Ich führte sie durch das, was ich sah, und sie führte mich mir der Weisheit ihres langen Lebens. Wir gingen jeden Schritt durch den Staub und Schmutz des schwierigen Wegs gemeinsam. Nach vielen langen, anstrengenden Tagen und Wochen und Monaten kamen wir endlich an! Aber ich fühlte mich einsam! Ich war in Zion, dem Ort des Friedens und der Ruhe für die Heiligen. Eigentlich hätte ich glücklich sein müssen, aber ich vermißte meine Familie. Die blinde Frau behielt mich bei sich, und ich führte ihr den Haushalt. Ich bemühte mich sehr, alles gut in Ordnung zu halten, aber sie war kein Ersatz für meine Familie. Ich mußte immer an Mama denken. Ich wußte, sie würde kommen. Irgendwie würde sie es schaffen, nach Zion zu gelangen. Immer wenn ich hörte, daß ein Wagenzug ins Salzseetal kam, hielt ich Ausschau nach der Staubwolke am Horizont, die die Wagen ankündigte. Dann lief ich zum Zaun und kletterte so hoch hinauf, wie ich konnte. Erst ganz allmählich konnte ich in der Staubwolke die Wagen und die Tiere und die Menschen ausmachen. Ich sah die Frauen, die vorübergingen, genau an. Mannas Haare haben die gleiche Farbe, aber das ist nicht Mama. Da hinten ist eine Frau, die so geht wie Mama, aber auch sie ist nicht meine Mama. Konnte die Frau, die das Gespann lenkte, Mama sein? Nein, nein, nein. Immer wenn eine Gruppe ankam, dachte ich: Jetzt muß Mama mit meinen jüngeren Geschwistern dabeisein. Ich suchte und suchte, und Zweifel befielen mich. Niemand lächelte mir zu. Niemand kam auf mich zugelaufen, um mich in die Arme zu schließen. Die Wagen rollten vorüber, und das Herz war mir schwer. Immer wieder wurde ich enttäuscht, und mir liefen die Tränen über das Gesicht, bis ich keine Tränen mehr hatte. Zwei lange, schwere Jahre vergingen, bis Mama endlich kam. Als sie kam, traute ich meinen Augen kaum. Sie war völlig erschöpft und von Staub bedeckt. Fast hätte ich sie nicht erkannt. Aber sie erkannte mich, obwohl ich ganz schön gewachsen war. Ich lief auf sie zu, so schnell ich konnte. Ich umschlang sie mit den Armen und weinte – aber diesmal vor Freude. Endlich war sie in Zion. Ich war nicht mehr allein. Zusammen waren wir zu Hause. Endlich hatte ich das Gefühl, daß ich wirklich in Zion war. 14:06 - 27.4.2008
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