BLOGas.lt Hol Dir jetzt kostenlos Dein eigenes Blog! N�chstes Tagebuch

Berichte der Pioniere

Der Duft des Flieders

Posted in Unspecified
 „Ich habe Hunger”, murmelte Becky, die hinter dem Wagen hertrottete.
„Ich auch”, stimmte Jonathan ein. „Glaubst du, Papa hätte etwas dagegen, wenn wir kurz anhalten und uns ein paar Beeren pflücken?”
Becky schüttelte den Kopf. „Das lassen wir wohl besser. Papa sagt, wenn wir nicht mit den anderen Wagen Schritt halten, schaffen wir es nicht den Berg hinauf.”
„Wenn Mama nur hier wäre.” Jonathans Augen füllten sich mit Tränen. „Sie würde für uns etwas zu essen auftreiben.”
Vorne im Wagen erklang Musik, und Jonathans Miene hellte sich ein bißchen auf. „Jacob hat auch Hunger”, sagte er. „Er spielt immer auf der Mundharmonika, wenn sein Magen knurrt.”

Lachend liefen sie weiter. Ja wirklich, Jacob Brewster klopfte mit den Füßen den Takt und blies dazu so angestrengt auf der Mundharmonika, wie er nur konnte. Mit der einen Hand lenkte er das Ochsengespann, mit der anderen spielte er ein Lied.
Jacob Brewster war siebzehn Jahre alt. Er war Waise und hatte sich dem Wagenzug in North Platte angeschlossen. Papa hatte die ihm die Mahlzeiten und einen Platz in ihrem Wagen angeboten, wenn er sich dafür mit um die Ochsen kümmerte.
Bald ertönte das Signal zur Mittagsrast. Becky machte aus einer Handvoll Maismehl eine Mehlsuppe und süßte sie mit ein paar Tropfen der sorgfältig gehüteten Melasse. Papa schnitt jedem ein Stück hartes Brötchen ab, das sie dann in die Mehlsuppe tunkten.
„Bruder Snow sagt, wir sind fast da”, meinte Papa.
„Er glaubt, daß wir spätestens übermorgen ankommen.”
Jonathan sprang vor Aufregung hin und her. „Wirklich, Papa? Hat er das wirklich gesagt?” Papa lächelte nur und nickte.
Als die Mahlzeit beendet war, luden Becky und Jacob alles schnell wieder auf den Wagen und traten das Lagerfeuer aus.
Kurz nachdem die Familie Omaha im US-Bundesstaat Nebraska aufgebrochen waren, war Beckys Mutter vom Wagen gefallen und hatte sich dabei schwer verletzt. Sie war innerhalb einer Woche gestorben. Jetzt musste die fünfzehnjährige Becky die Mahlzeiten zubereiten, sich um den Wagen kümmern und Jonathan helfen, den Tod der Mutter zu verwinden. Das war nicht einfach, wo sie ihre Mutter selbst noch so schmerzlich vermißte.
Während eines kurzen Aufenthalts beeilte Becky sich, die Wasserkanister am Bach zu füllen. Liebevoll goß sie die kleinen Fliederpflanzen hinten im Wagen. Mutter hatte sie so sorgfältig gepflegt. Becky hörte im Geist die Stimme ihrer Mutter, wie sie zu Papa sagte: „Ohne Flieder vor der Tür wäre das neue Zuhause kein Zuhause. Mach dir keine Sorgen; Becky und ich kümmern uns schon darum.”
„Wir müssen weiter, Becky.” Papas Stimme schreckte sie aus ihren Gedanken auf.
„Ich bin so weit, Papa. Jonathan, möchtest du nicht eine Weile im Wagen mitfahren?” Sie half ihrem siebenjährigen Bruder hinten auf den Wagen und wußte dabei genau, daß er innerhalb von ein paar Minuten einschlafen würde. Der Weg über den Berg wurde immer steiler, und die Wagen kamen immer langsamer voran. Ängstlich beobachtete Becky, wie sich der Himmel verdunkelte. Hoffentlich gibt es heute nicht noch ein Gewitter, dachte sie.
Die riesigen Wolken wurden immer dunkler. Ein leichter Wind erhob sich, der immer stärker wurde und sich schließlich zum Sturm entwickelte. Im Norden sah man schon die ersten Blitze zucken.
„Becky! Wir müssen den Wagen leichter machen, damit wir den Berg hinaufkommen.” Der Sturm riß Papa die Worte vom Mund. „Weck Jonathan und lad alles aus, was wir nicht unbedingt brauchen.”
„Ja, Papa.” Becky beeilte sich, Papas Aufforderung zu befolgen.
Becky warf die zusätzliche Waschschüssel und die kleine Kiste mit den Leintüchern aus dem Wagen, die Mutter ihr als Aussteuer zusammengestellt hatte.
Jonathan trennte sich unter Tränen von seiner kostbaren Steinsammlung, und Becky warf resolut auch alle zusätzlichen Kopfkissen und Töpfe hinaus.
„Was ist hiermit?” fragte Jonathan.
Becky drehte sich um und sah, daß Jonathan den Eimer mit dem Flieder in der Hand hielt. „Nein, nein, den Flieder nicht!” schrie sie. „Ich habe Mama versprochen, daß wir ihn vor unser neues Haus pflanzen.”
Papa legte den Arm um Beckys schmale Schultern und drückte sie fest an sich. „Ja”, sagte er. „Den Flieder behalten wir.”
Der Himmel war mittlerweile pechschwarz geworden, und in den Bergen grollte der Donner.
„Wir müssen anhalten, Bruder Webster”, rief Jacob. „Der Weg wird sofort matschig und glitschig, wenn es anfängt zu regnen.”
Jacob sah sich um und entdeckte eine Lichtung links neben dem Weg. Dorthin lenkte er den Wagen. Die anderen folgten.
Dann, wie auf ein Zeichen, begann es zu regnen. Große, schwere Tropfen klatschten zur Erde — zuerst noch vereinzelt, aber dann immer heftiger. Der Nordwind blies, der Donner grollte, und über den Himmel zuckten unaufhörlich Blitze.
Die vier im Wagen zitterten vor dem Gewitter. Jonathans Augen waren vor Angst ganz groß, und Becky hielt ihn fest an sich gepreßt. Sie hörten, wie die Blitze Bäume spalteten und der Sturm die Wagen quietschen ließ.
Plötzlich zerriß der Strick, mit dem die Ochsen angebunden waren, und die Tiere stürmten davon. Papa und Jacob sprangen aus dem Wagen. „Jonathan, du bleibst hier bei Becky!” rief Papa. „Jacob, du steigst geradewegs nach unten, und ich treibe dir die Tiere  zu.”
Die beiden verschwanden im Regen. Becky und Jonathan warteten ängstlich. Schließlich wurde der Regen leiser, und der Donner entfernte sich immer mehr. Becky spähte suchend aus dem Wagen; sie sah Baumstümpfe, die wie Kienspäne ausahen, und Bäume, die der Sturm vollständig entwurzelt hatte. Die meisten anderen Wagen hatten das Gewitter ohne großen Schaden überstanden; nur den kleineren hatte der Sturm die Plane fortgeweht. Aber Papa und Jacob waren nirgendwo zu sehen.
Es wurde dunkel, und Jonathan hatte Hunger. „Wann kommt Papa wieder, Becky?”
„Er ist bald wieder da. Hab keine Angst.” Becky versuchte, ruhig zu klingen, aber  innerlich zitterte sie bei dem Gedanken, die Nacht allein verbringen zu müssen. Die anderen Wagen waren zwar in der Nähe, aber jeder hatte seine eigenen Sorgen, und Becky wußte, daß Papa es lieber sah, wenn sie dort blieb, wo sie war.
Sie gab Jonathan ein bißchen getrocknetes Fleisch und versuchte, ihn hinzulegen, damit er schlief. Es war  kalt im Wagen, und das Verdeck war feucht. Becky wünschte sich, sie hätte die weggeworfenen Kopfkissen noch. Schließlich schlief Jonathan ein.
Gegen Mitternacht kam Jacob mit dem einem Ochsen zurück. „Ich bin kaum den Berg hinaufgekommen, weil der ganze Boden aufgeweicht ist”, sagte er müde. „Wo ist dein Vater?”
„Er ist noch nicht wieder da. Hoffentlich ist ihm nichts passiert!”
Jacob sah Becky an, wie sehr sie sich sorgte. „Wahrscheinlich wartet er bis zum Morgen”, sagte er tröstend. Während er sich erschöpft auf den Boden sinken ließ, murmelte er: „Weck mich auf, wenn er kommt.”
Aber auch am Morgen war nichts von Papa zu sehen. Man stellte eilig mehrere Suchtrupps zusammen; der größte wurde von Jacob angeführt. „Wir werden ihn schon finden,” tröstete er Becky und klopfte ihr leicht auf den Arm. Dann umarmte er Jonathan, und fort war er.
Kurz vor Mittag sah Jonathan die ersten Suchtrupps zurückkehren. „Da sind sie, Becky. Kannst du Papa sehen?”
Becky blickte in das helle Sonnenlicht hinaus und sah sich jeden Mann genau an. Alle sahen niederdrückt aus und gingen schweren Schrittes. Plötzlich sah sie Jacob, der Bruder Snows braunes Pferd am Zügel führte. Quer über den Sattel hing der Körper eines Mannes. Er sah aus wie eine riesige Stoffpuppe.
„Nein! 0 nein!” schrie sie und rannte los, Jonathan dicht hinter ihr.
„Papa, Papa!” schrie Becky. „O Jacob, wie ist das nur passiert!“
Jacobs Augen waren rot vom Weinen. „Es war ein Blitz.” Er nahm Becky in die Arme. „Wenigstens hat er nicht gelitten.“
Becky sah den steifen Körper an; dann brach sie in Tränen aus und sank zu Boden.
Papa wurde am Rand der kleinen Lichtung begraben. Becky pflanzte zwei der kostbaren Fliederpflanzen neben den rohbehauenen Grabstein, so wie sie vor ein paar Wochen zwei Fliederpflanzen auf Mamas Grab gepflanzt hatten.
Die Sonne schien, als die schlichte Beerdigung stattfand. Becky stand bei Jacob und Jonathan. Die Tränen strömten ihr die Wangen hinab, und hielt Jonathans Hand. Jacob hatte die Hand unter ihren Ellbogen geschoben und stützte sie. „O Jacob”, murmelte sie. „Was soll ich nur tun? Wie sollen wir nur ohne Papa zurechtkommen?“
„Mach dir keine Sorgen, Becky. Ich werde für euch beide sorgen.“
Am Nachmittag wurden die Schäden behoben, die das Gewitter angerichtet hätte. Die Räder wurden repariert und die Verdecke neu befestigt. Kopfkissen lagen zum Trocknen in der Sonne. 
Als es dämmerte, brachte einer der Führer den anderen Ochsen. „Ich habe ihn gut drei Meilen weiter oben gefunden”, sagte er.
Dankbar schirrte Jacob auch den zweiten Ochsen an. Die Frauen aus den anderen Wagen bereiteten für die drei aus ihren kostbaren Vorräten ein Abendessen zu.
Als Becky Jonathan ins Bett brachte, sah sie, wie Jacob Feuerholz aufschichtete und den Wagen untersuchte. Übermorgen kommen wir im Tal an, dachte sie. Sie wußte nicht, was die Zukunft bringen würde, aber sie hatte keine Angst. Sie glaubte daran, daß der himmlische Vater über sie und Jonathan wachen würde. Während sie liebevoll die restlichen Fliederpflanzen goß, dachte sie: Bald haben wir ein Zuhause, und der Flieder wird uns an Mama und Papa erinnern. Sie zog den Schal enger um ihre schmalen Schultern und setzte sich neben Jacob an das auflodernde Lagerfeuer.
Donna Cartwright, Kinderstern Juni 1990

16:41 - 10.5.2008


Last Page Next Page
Description
Hier werde ich aus alten Kirchenzeitschriften Berichte der Pioniere posten.
Home
User Profile
Archives
Links
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Mormonwiki
FairWiki
FAIR
Jesus
Das Buch Mormon überzeugt
mehr zum Buch Mormon
Bekehrungsgeschichten
besondere Erlebnisse
HLTs in aller Welt
Abenteuer der Mormonen
Geschichte der Mormonen
Propheten
Joseph Smith
Offenbarungen
Der Geist des Elija
Genealogie
Tempel und Tempelarbeit
Missionsarbeit
Die Gebote
Gedenke des Sabbats
Gesetz der Keuschheit
der Zehnte
Wort der Weisheit
Fasten
Kontroversen
Recent Entries
- Die Pionierfrau
- Das darbende Lager
- Auszug aus dem Tagebuch der Jane Grove
- Ein Eimer voll Milch
- Green Flake, der schwarze Pionier
- Die Wolke
- Der Duft des Flieders
- Rosa Clara -- Pionier aus Australien
- Sarah Matilda Farr
- Helden und Heldinnen
- Ein guter Handel
- Untitled
- Mary Ann Angell Young, die Unbezwingbare
- Im Winter mit Handkarren durch die Rocky Mountains
- Alma Elisabeth kommt nach Amerika
- Blühen wie eine Lilie
- Michaels Familie
- Meerrettich zu Weihnachten
- Cathrines Glaube
- Häuptling Washakie
- Ein Halfpenny und eine Perle
- Der rote Mantel
- Christians Bekehrung
- Die Glaubensprüfung eines Mitglieds der Kirche
- Die Handkarren-Pionierin
- Die Abenteuer der Margaret Judd Clawson
- Barfuß über 900 Meilen Prärie