| Berichte der Pioniere |
Die WolkeJohanna lief neben dem Planwagenzug her, der auf der staubigen Route
westwärts kroch. „Die ganze Strecke muß ich
zu Fuß laufen – warum nur!” ärgerte sie sich. Freilich wußte sie, warum:
Die Fuhrwerke waren mit wertvollen Vorräten beladen, mit deren Hilfe die
Heiligen im Westen Amerikas ein neues Leben beginnen wollten. Für Passagiere
gab es einfach keinen Platz.
Der Sack, den sich Johanna um die Hüften gebunden hatte, schleifte auf der Erde, und sie band ihn höher. Bis zum Abend würde er voll sein mit trockenem Büffeldung und kleinen Ästen für ein warmes Feuer auf der kalten Prärie. Die Spätsommersonne schien ihr warm auf den Rücken und beschwichtigte ein wenig ihren Ärger. Johanna summte eine kleine Melodie, da hörte sie hinter sich jemanden dasselbe Lied singen. Schon wieder dieser Barney Bieland! Immer muß er mich nachäffen/Johanna wandte sich um und streckte ihm die Zunge heraus. Noch ärgerlicher als zuvor, gab sie nicht acht, wohin sie trat, und stolperte. Sie schlug mit Knien und Ellbogen auf den harten Boden auf und begann zu weinen. Barney beugte sich über sie und half ihr hoch. „Laß mich!” fuhr Johanna ihn an und riß sich Ios. „Hab doch nur helfen wollen!” Johanna rappelte sich auf. Sie blickte auf die staubende Kolonne von Ochsen und Planwagen, die über die ausgedörrte Prärie rollte. Der Anblick erinnerte sie an die Worte von Captain Rice vor zehn Tagen in Council Bluffs, Iowa: „Wir müssen täglich dreißig Kilometer zurücklegen, damit wir es bis zur Oktoberkonferenz, vor Wintereinbruch, ins Salzseetal schaffen.” Johanna setzte sich wieder in Bewegung. ![]() Als die Sonne am Horizont verschwand, wurden die Wagen für die Nacht im Kreis aufgestellt. Die jüngeren Männer, darunter auch Barney, wurden beauftragt, die Rinder zu hüten. Die drei Kühe der Abteilung wurden gemolken, und die kostbare Milch wurde an die Kranken und an die kleinen Kinder verteilt. Eine der Kühe gehörte Johannas Familie. ![]() Johanna leerte den Inhalt ihres Sacks neben dem Lagerfeuer aus. Ihre Mutter hatte schon das Pökelfleisch bereit. Johanna half beim Teigrühren. Dann klopfte sie den Teig zu kleinen Fladen und legte sie auf die heißen Steine um das Feuer. Als sie gebacken waren, sammelte sie sie ein und wischte die Asche ab. Sie schmeckten nicht nach viel, aber sie waren zumindest warm. Johanna dachte an das heimelige Bauernhaus, das ihre Familie in Dänemark zurückgelassen hatte. Zu Mittag hatte immer ein gutes Essen auf dem Tisch gestanden – in der Mitte ein großer Laib frisch-gebackenes Brot. Beinahe konnte sie die zerlaufende Butter und den Honig schmecken, der von so einer warmen Brotschnitte troff – beinahe, nicht ganz. Während sie nun den dünnen, warmen Fladen kaute, tat sie sich selbst sehr leid. Johanna reute es dennoch nicht, daß die Missionare ihrer Familie das Evangelium gebracht hatten. Es tat ihr auch nicht leid, daß ihre Eltern sich entschlossen hatten, mit anderen Heiligen der Letzten Tage in die Gebirgstäler des amerikanischen Westens zu ziehen. Die Reise zu dem neuen Zuhause war ein Abenteuer. Aber den staubigen Weg und das fade Essen mochte sie nicht. Besonders unangenehm war ihr das viele Gehen – 1600 Kilometer, Schritt für Schritt, Tag für Tag. Bald war es Zeit für das Abendlied und das Gebet. Captain Rice las eine Schriftstelle vor: „Der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten.” Exodus 13:21.) Die Israeliten hatten wenigstens eine Wolke, von der sie geführt wurden, dachte Johanna. Erschöpft sank sie auf ihr Lager hinten im Planwagen. Sie schlief schon fest, als sie plötzlich von lautem Geschrei geweckt wurde: „Feuer! Es brennt!” Hastig streifte sie sich etwas über und blickte aus dem Wagen. Es war ein Steppenbrand, der sich rasch über die Prärie bewegte und Gras, Gestrüpp und alles verbrannte, was ihm in die Quere kam. Am westlichen Horizont hingen Rauchwolken. „Laß die Bettsachen, ich mach das schon”, rief ihre Mutter. „Hilf dem Vater die Ochsen und die Kuh holen.” Das Vieh hatte weiter vom Lager entfernt als sonst geweidet, und die Männer hatten große Mühe, die verschreckten Tiere zu den Wagen zurückzubringen. Johanna rannte Ios, um ihren Vater zu suchen. In der Ferne erblickte sie ihn. Er trieb die Ochsen vor sich her. Sie rannte auf ihn zu, und er rief: „Johanna, bring die Ochsen ins Lager. Ich muß die Kuh suchen – die dürfen wir auf keinen Fall verlieren.” Johanna suchte sich einen Stock und trieb die Ochsen zur Eile. Der Rauch wurde immer beißender. Als eine dichte Rauchwolke dahertrieb, blieben die verschreckten Ochsen stehen und rührten sich keinen Schritt von der Stelle, obwohl Johanna den Stock gebrauchte. Verzweifelt sah sie sich um Hilfe um. Nun hörte sie auch das Feuer knistern. Hinter ihr kam Barney nach, der ebenfalls ein Gespann führte. „Zieh den Leitochsen am Strick!” rief er. Johanna bückte sich, um den Strick aufzuheben, da wurde sie zur Erde gerissen. Der Ochse war auf ihr Kleid getreten! „Halt still!” befahl Barney und kam herzugerannt. „Gib auf den Ochsen acht. Wenn ich ihn antreibe, rollst du dich zur Seite.” Johanna wartete ängstlich, während Barney das Tier beruhigte und dann vorwärtstrieb, so daß es von ihrem Kleid stieg. „Schnell jetzt!” rief Barney. Die Ochsen trabten auf das Lager zu, und er rannte zu seinem eigenen Gespann. Bald war auch ihr Vater mit der Kuh da. Sein Lächeln tröstete sie. Als sie das Lager erreicht hatten, wurde zum Gebet gerufen. Sie standen im Kreis, und Johanna langte nach der Hand ihrer Mutter. Captain Rice sagte: „Mit den Ochsen entkommen wir diesem schnellen Steppenbrand unmöglich. Wir müssen den Herrn um Hilfe bitten.” Alle stimmten aus tiefstem Herzen in das Amen ein. Captain Rice stand auf einem Wagen und deutete zum Himmel. „Brüder und Schwestern, wir sind nicht bis hierhergekommen, um zugrunde zu gehen. Die kleine Wolke da oben wird unsere Rettung sein.” Johanna blickte auf zum rauchbedeckten Himmel und sah, wie die kleine Wolke rasch größer wurde. Der Brand wanderte über die Prärie, die Hitze stieg zu den Wolken auf, und die Wolke wurde immer größer und regenschwer. Blitze, viel heller als die Flammen, erleuchteten den Himmel. Immer lauter hörte Johanna den Feuersturm toben, und der ferne Donner klang wie ein Echo. Die einzelne Wolke löste sich plötzlich in viele kleine Wolken auf, und schon regnete es in Strömen. Die heiße Erde zischte. Dampfwolken quollen zum Himmel. Der Regen wusch ihr den Staub und die Tränen vom Gesicht. Und ebenso plötzlich, wie die Wolken aufgetaucht waren, waren sie wieder verschwunden. Der Brand war gelöscht. Über dem Wagenzug lag der blaue Präriehimmel. Die dankbare Pioniergruppe kniete erneut in der Wagenrunde und dankte dem Vater im Himmel. Am Morgen sprang Johanna mit den anderen Kindern dem Wagenzug voraus. Sie blickte auf ihre lehmigen Füße, die auf den nassen Prärieboden klatschten. Norma/erweise würde ich mich über diesen Morast ärgern, dachte sie. Nun aber lächelte sie und summte ein Lied. Plötzlich war Barney neben ihr. „Bei guter Laune heute?” fragte er. ![]() „Danke für deine Hilfe gestern mit den Ochsen”, sagte Johanna ein wenig verlegen. Ob auch die Kinder der Israeliten manchmal so schmutzige Füße hatten? Jedenfalls waren sie genauso dankbar für ihre Wolke, wie Johanna für die Wolke dankbar war, die der Vater im Himmel ihnen heute gesandt hatte. Christy Monson, Kinderstern Juni 1989 16:43 - 10.5.2008
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