| Berichte der Pioniere |
Ein Eimer voll MilchIn
Sugar Creek hatten die Pioniere ihr erstes Lager aufgeschlagen, nachdem sie ihr
warmes, behagliches Zuhause in Nauvoo verlassen hatten. Innerhalb von zwei Wochen hatten sich 5.000 Menschen . dort versammelt, die darauf warteten, daß Brigham
Young das Signal für ihre Weiterreise nach „dem Westen” gab.
Tommy und Betsy kam es vor, als ob sie in einer Stadt lebten; denn die Zelte und Wagen waren entlang der Straße aufgestellt wie die Häuser in Nauvoo. Die Zwischenräume waren mit Reisig überdacht, um vor dem Wetter zu schützen. Hier wurden die Mahlzeiten zubereitet, und die Kinder spielten da. In der Mitte des Lagers war ein großer Platz, der etwas einem Park glich. An einer Seite dieses Platzes wohnten Tommy und Betsy in einem Planwagen. Zu jeder Tages- oder Nachtzeit konnten sie auf den Platz schauen, wo die Lagerfeuer brannten und Leute die Nähe des Feuers suchten, um sich zu wärmen. Eines Morgens, sehr früh, sah Tommy Brigham Young auf dem Kutschbock eines Wagens in der Mitte des Platzes stehen. Einen Moment später dröhnte seine Stimme durch das Lager wie eine Kanone: „Achtung, Lager Israel!” Und Tommy wußte, daß innerhalb einiger Minuten jeder aus dem Lager zu dem Platz kommen würde, um zu hören, was Brigham Young zu sagen hatte. Hoffentlich sagt er uns, daß es Zeit ist, nach dem Westen weiterzuziehen", sagte Tommy. „Das hoffe ich auch”, sagte die Mutter. Aber Brigham Young sagte nichts über eine Weiterfahrt nach dem Westen. Statt dessen sagte er ihnen, daß in den letzten paar Tagen 800 Menschen in Sugar Creek angekommen seien, deren Lebensmittelvorräte nicht einmal für eine Woche mehr reichen würden. Und er bat diejenigen, die Nahrungsmittel hatten, mit den Bedürftigen zu teilen. Er versprach den Heiligen, daß, wenn sie dies tun würden, der Herr sie mit all der benötigten Nahrung segnen würde. Präsident Young forderte die Männer auf, in die nördlich und südlich gelegenen Städte zu gehen, um beim Straßen- und Brückenbau oder beim Aufstellen von Zäunen Arbeit zu finden; er machte auch den Vorschlag, sich mit Nahrungsmitteln bezahlen zu lassen. Er berichtete, daß Federbetten, Uhren, Geschirr, Umhängetücher, Silberwaren und Möbel gegen Mais und Weizen eingetauscht werden könnten. Tommy und Betsy spitzten ihre Ohren, als er den Kindern sagte, daß sie dadurch helfen könnten, daß sie Weidenruten am Flußbett sammelten. Aus diesen Weiden könnte man Körbe in der Größe eines Scheffels und eines halben Scheffels flechten und sie gegen Nahrungsmittel eintauschen. Sofort nachdem Brigharn Young „Amen” gesagt hatte und ehe noch die Leute zu sprechen oder sich zu bewegen anfingen, hörten sie in weiter Ferne eine Glocke läuten. „Es ist die Glocke vom Tempelturm in Nauvoo”, flüsterte Tommy Betsy zu, und ihm war es, als hätte der Herr sein eigenes „Amen” zu den Worten seines Propheten gegeben. In seinem Innern versprach sich Tommy, daß er versuchen wollte, alles zu tun, was Brigham Young wünschte. Als die Versammlung zu Ende war, rief Tommys Vater seine Familie zu sich und sagte: „Wir stehen vor einer langen Reise. Wir sind uns noch nicht einmal sicher, wo sie enden wird. Wir wissen nur, daß der Herr uns dorthin führen wird. Wir wissen auch, daß wir nur das haben werden, was wir mit uns nehmen. Die Frage ist jetzt, ob wir von unserer Nahrung den Bedürftigen geben sollen oder ob wir sie für uns selbst aufheben sollen damit sie ausreicht." Tommy dachte an das stille Versprechen, das er sich gegeben hatte. „Präsident Young hat uns gebeten zu teilen”, sagte er, „und ich glaube, daß es das ist, was der Herr von uns wünscht.” „Ich weiß, daß der Herr uns helfen wird, mehr zu bekommen, wenn wir es brauchen”, fügte Betsy hinzu. Tommys Vater lächelte. „Ich bin froh, daß ihr so denkt”, sagte er. „Wir können es den Heiligen nicht übelnehmen, daß sie ohne genügend Nahrung hierhergekommen sind. Keiner war richtig vorbereitet, jetzt Nauvoo zu verlassen; denn alle rechneten damit, erst im Frühling zu gehen. Einige hatten Geld, um Nahrung und Ausrüstung kaufen zu können, aber die meisten hatten es nicht; so mußten sie ihre Farmen und Häuser für das eintauschen, was sie dafür bekommen konnten. Bruder Johnson zum Beispiel bekam für sein Haus im Tausch nur einen Planwagen und ein Ochsengespann. Sie hatten kein Geld, um Lebensmittel zu kaufen; so brachten sie nur das mit, was sie im Haus hatten, und ich bin sicher, daß es in ein paar Tagen verbraucht ist.” „Er will sich in einer nahegelegenen Stadt Arbeit suchen, um Nahrungsmittel kaufen zu können”, sagte Mutter. „Gehst du auch, Vater?” fragte Tommy. „Ja, Bruder Johnson und ich gehen zusammen”, antwortete der Vater. „Wir gehen schon morgen früh los.” „Ihr könnt meine Silberlöffel mitnehmen”, bot die Mutter an. „Wahrscheinlich könnt ihr sie gegen eine Wagenladung Mais eintauschen. So können wir unsere Tiere am Leben und bei Kräften erhalten, bis das Gras zu wachsen anfängt.” „Nehmt unser Federbett mit”, sagte Betsy. „Ich kann mir gut vorstellen, daß es jemand haben will.” „Ich will Weiden vom Flußbett sammeln und Körbe daraus flechten, wie Präsident Young uns gebeten hat”, sagte Tommy. Sie alle hörten einander so interessiert zu, daß keiner Schwester Johnson sah, die am Planwagen gestanden hatte. Sie waren überrascht, als sie anfing zu sprechen. „Sie können mein Umhängetuch mitnehmen”, sagte sie leise, „und die kleine Zuckerschale, die mir meine Großmutter geschenkt hat.” Als sie die Sachen in den Wagen brachte, wankte sie, als ob sie nahe am Umfallen war. Tommys Vater sprang vom Wagen, um ihr zu helfen. „Sind Sie krank?” fragte er. „Nein”, antwortete sie, „aber ich bin hungrig. Wir haben in den letzten beiden Tagen nicht viel zu essen gehabt.” Tommys Mutter eilte herbei, um Schwester Johnson beim Hinlegen zu helfen. „Nehmen Sie diesen Zwieback”, drängte sie, „in der Zwischenzeit mache ich Ihnen etwas heißen Maisbrei fertig.” Später gingen Tommy, Betsy und ihr Vater mit Schwester Johnson zu ihrem Wagen zurück. Tommy trug ein paar Kartoffeln, sein Vater etwas Mehl und Betsy einen Eimer voll Milch. Als Betsy so die Milch trug, mußte sie an ihr Kätzchen denken, das sie in Nauvoo zurückgelassen hatte. Im Geist hörte sie wieder die Frage ihrer Mutter: „Du möchtest sicher nicht, daß irgend jemand hungern muß, nur damit du dein Kätzchen mitnehmen kannst?” Betsy lächelte und sagte ganz leise zu sich selbst „Nein!” Und diesmal meinte sie es ganz ernst. Mary Pratt Parrish, Mai 1972 13:28 - 17.5.2008
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