| Berichte der Pioniere |
Das darbende Lager
Jeden
Donnerstag versammelten sich die Leute von Winter-Quarters in dem kleinen
Blockhaus, das als Postamt benutzt wurde. Ihr unabhängiger Postdienst war von
Brigham Young eingerichtet worden, um den in Nauvoo, Garden Grove, Mt. Pisgah,
Council Bluffs und Winter-Quarters lebenden Heiligen zu dienen. Einmal in der
Woche brachte ein Mann diese Post auf einer eigenen Route nach Winter-Quarters.
Es war wieder einmal Donnerstag, und Tommy, Betsy, ihre Mutter, Eliza und Elija warteten zusammen mit den andern auf die Post. Als Bruder Clayton die Namen derjenigen vorlas, die einen Brief bekommen hatten, hörte Tommy seinen Namen. Er wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er Post erhielt. Mit zitternden Händen riß er den Umschlag auf. Er war so aufgeregt, daß per den Brief kaum lesen konnte. Er kam von seinem Freund Joseph, der sich noch immer in Nauvoo befand. Lieber Tommy! Endlich können wir aufbrechen. Wir konnten unser Haus und unser Land endlich für so viel Geld verkaufen, daß wir dafür einen Wagen und einige Vorräte bekamen. Wir wollen morgen den Mississippi überqueren. Seitdem Ihr weg seid, ist es in Nauvoo nicht mehr schön. Einige Brüder überschritten die Stadtgrenzen, um ihr Getreide zu ernten. Sie wurden vom Pöbel gefangen und mit Stachelstöcken aus Walnußholz geschlagen. Niemand ist mehr sicher! Die meisten haben bis jetzt den Fluß überquert; aber sie lagern noch immer in der Niederung, weil sie nicht nach Winter-Quarters weiterziehen können. Viele davon sind ältere oder kranke Menschen. Einige von ihnen haben keinen Proviant. Mutter hat gesagt, sie hoffe, daß Hilfe für sie kommen werde. Ich freue mich sehr, Dich in ein paar Wochen wiederzusehen. Wir haben vor, uns sofort nach Winter-Quarters aufzumachen, nachdem wir den Fluß überquert haben. Mutter sagt, daß wir vielleicht dort zur Schule gehen können. Ich wäre froh, wenn wir das könnten. Dein Freund Joseph Als Elija und Tommy an jenem Abend die üblichen Arbeiten verrichtet hatten, setzten sie sich hin, um mit Tommys Mutter zu sprechen. „Ich habe an die Leute gedacht, die von Nauvoo über den Fluß getrieben wurden. Ich würde gern etwas tun, um ihnen zu helfen”, sagte Tommy. „Brigham Young wird sicher einen Weg finden, um ihnen zu helfen”, antwortete seine Mutter. „Doch jetzt ist es Zeit für euch, ins Bett zu gehen.” Als am nächsten Tag Tommy und Elija das Vieh hüteten, sahen sie Betsy und Eliza auf sich zugelaufen kommen. „Ist etwas passiert?” rief Tommy. „Nein"', antwortete Eliza. „Wir haben eine Nachricht für euch von Brigham Young. Er wünscht euch beide gleich in seiner Hütte zu sehen.” „Warum will er uns sprechen?” fragte Elija. „Ich weiß es nicht”, antwortete Eliza, „aber Betsy und ich werden solange auf das Vieh aufpassen.” Als Tommy und Elija in Brigham Youngs Hütte ankamen, wartete Tommys Mutter dort auf sie. Brigham Young sprach sie an, als sie eintraten. „Jungen”, sagte er, „ich möchte, daß jeder von euch mit einem Wagen zu dem notleidenden Lager fährt, das gegenüber Nauvoo auf dieser Seite des Flusses liegt. Einige von den Heiligen dort sind von ihrer Heimstätte vertrieben worden und brauchen dringend Nahrung, Kleidung und Obdach. Holt sie nach Winter-Quarters. Ihr seid sehr jung für so eine große Aufgabe; aber ich weiß, daß ihr es gut machen werdet. Der Wagenzug steht unter Obhut von Bruder Allen, und ihr seid seiner Führung unterstellt. Es werden etwa 20 Wagen sein. Morgen in der Früh brecht ihr auf.” Tommys Mutter schaute auf die beiden Jungen. „Die Mädchen und ich werden hier schon allein fertig.” Sie lächelte. Die lange Reise nach Nauvoo brachte den Jungen Spaß. Als sie sich dem Fluß näherten, sah Tommy, daß sich der Himmel verdunkelt hatte, auch hörte er schnelle Flügelschläge. Dann sahen sie Tausende von Wachteln über sich fliegen. Viele der Vögel ließen sich auf dem Verdeck und den Sitzen der Wagen nieder, auch auf Kopf und Armen der Fahrer. Als sie mit den Wagen im Lager eintrafen, fanden sie dort Wachteln auf dem Boden, in der Luft, in den Zelten und auf den Menschen. Die Vögel bewegten sich nicht, wenn man nach ihnen griff. Sogar die Kranken konnten ihre Hand ausstrecken und eine Wachtel fangen, ohne daß sie irgendwelchen Widerstand zeigte. Die Freude der Menschen kannte nun keine Grenzen. „Es ist ein Segen vom Himmel”, sagte einer der Männer aus dem Lager. „Wir waren dem Verhungern nahe; und der Herr hat uns Speise gesandt.” Plötzlich fiel Tommy ein, daß er gehört hatte, wie der Herr den Kindern Israel, als sie vor vielen Jahren in der Wildnis wanderten, auch Wachteln geschickt hatte. Dann kam Joseph angelaufen. Er und Tommy umarmten sich zur Begrüßung. Es war gut, wieder zusammen zu sein, und es war gut, zu wissen, daß all die Menschen hier etwas zu essen hatten. „Es ist ein Wunder!” rief Joseph aus, und Tommy nickte zustimmend. November 1972 03:08 - 26.5.2008
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